17. Dezember 2014

Familientreffen zu Weihnachten: Das ultimative Übungsfeld für deine Achtsamkeitspraxis

Zu dieser Zeit des Jahres kommen viele Familien zusammen, zu ausgedehnten Treffen über mehrere Tage oder einfach zum Essen oder Spazierengehen.
So wunderbar das sein kann, für manch einen kann auch das eine echt anstrengende Zeit sein, aus verschiedenen Gründen, z.B. alte Konflikte kommen wieder hoch, schmerzvolle emotionale Muster zeigen sich, es gibt Leute, die einen immer wieder kritisieren müssen. Viele Leute auf einem Haufen veranstalten ohnehin oft ein stressiges Chaos. Wir kommen aus unserer täglichen Routine und verlieren das gewohnte Kontrollgefühl, das Planen und Vorbereiten der Feiern verursacht zusätzlichen Stress usw. 


Wie gehst du damit um? Wie kann man seine Familie treffen, mit schwierigen Emotionen umgehen und dabei positiv gestimmt bleiben und seine Energie behalten?
Es mag so scheinen, als ob der beste Übungsraum für Achtsamkeit ein friedlicher Zen-Tempel ist und in einigen Punkten stimmt das sicher. Aber so wie Trainingschießen nicht dasselbe ist wie ein tatsächlicher Nahkampf, so ist das Üben auf dem Meditationskissen nicht das gleiche wie inmitten eines verrückten Familientreffens zu sein. So ein Zusammenkommen bringt unsere Praxis auf ein ganz anderes Level.


Was und wie kannst du Achtsamkeit praktizieren? Versuche eine von diesen Übungen zur Zeit, z.B. wenn Onkel Gunther wieder eine seiner langweiligen Geschichten erzählt oder deine Mutter wieder an dir herummäkeln muss:


•    Komm in Kontakt mit deinem Körper und deinem Atem: Mittendrin, während die Dinge gerade geschehen, kannst du dir ein paar Sekunden nehmen und deine Aufmerk-samkeit auf deine Körperhaltung lenken. Wie fühlt sich dein Körper an, sitzt du vielleicht schon zu lang usw. Dann folge deinem Atem ein paar Mal, Einatmen, Ausatmen. Diese zentrierende Praxis bringt dich zurück in das Hier und Jetzt.
•    Bemerke deine Selbst-Fixierung: Wenn Menschen uns frustrieren oder irritieren, geschieht das häufig, weil wir darauf konzentriert sind, was wir wollen, was wir denken wie wir behandelt werden sollten, wie wir wollen, dass sich die anderen verhalten, wie die Welt ansich sein sollte. Es ist wichtig, das zu bemerken, wenn Gefühle aufkommen. Bemerke, wenn du dich nur auf dich und dein Wollen konzentrierst.
•    Frage dich: Was braucht diese Person? Anstatt darüber nachzudenken, was du willst, praktiziere und frage, was der andere braucht. Schau, wie dir das helfen kann. Versetz dich in die Lage des anderen. Fühl seinen Schmerz, ohne es zu beurteilen.
•    Höre einfach zu. Manchmal brauchen Menschen es einfach, dass du ihnen zuhörst. Das ist etwas, dass wir oft nicht mit 100%iger Aufmerksamkeit machen. Praktiziere das Zuhören ohne zu urteilen, ohne darüber nachzudenken, was du als nächstes sagst. Fühle mit der Person, stell dir vor wie es ist sie zu sein, fühle was sie zu kommunizieren versucht.
•    Beobachte deine Gedanken. Werde zum Beobachter und schau, wie deine Gedanken aus ihrem kleinen Versteck in deinem Kopf auftauchen. Hast du diesen Gedanken gerade erwartet? Kannst du den nächsten schon voraussehen? Welche Gedanken kommen dir in den Sinn? Sind diese Gedanken Du oder einfach Dinge, die auftauchen und auch wieder verschwinden?
•    Lass los. Gibt die Kontrolle auf. Stress kommt oft daher, dass wir kontrollieren wollen, wie die Dinge laufen. Entweder glauben wir, wir haben die Kontrolle oder wir wollen sie einfach nur. Praktiziere hier das Loslassen und lass die Dinge geschehen. Gehe nicht in Widerstand zu dem, was passiert. Nimm an und sei damit. Praktiziere glücklich zu sein, egal was passiert.
•    Sorge für dich. Oft sind wir sehr kritisch mit uns selbst, haben hohe Ansprüche und Erwartungen daran wie wir selbst sein sollten. Du bist ok, so wie du bist. Und wenn du achtsam wahrgenommen hast, was ist und es so sein lassen kannst, dann kümmere und sorge auch dafür, dass es dir gut geht. Schau, was du gerade brauchst, damit du ausgeglichen und in Frieden sein kannst.
•    Mach eine Aufgabe zu deinem Universum. Wenn du Kaffee kochst, mach diese Handlung und diesen Moment zu deinem Ein und Alles. Zum ganzen Universum. Als wäre da nichts anderes als das. Dann tu das, wenn du mit jemandem sprichst. Wenn du eine Frucht isst. Wenn du die Treppen hinaufgehst. Wenn du deinen Liebsten küsst, deine Verwandten umarmst.
•    Übe Wertschätzung. Dinge sind stressig, weil wir uns wünschen, sie wären anders. Aber die Dinge sind schon ziemlich bemerkenswert so wie sie sind. Wir müssen nur unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, wie die Dinge sind und bemerken, was da ist, die Schönheit in dem sehen, sie wertschätzen. Das kannst du die ganze Zeit praktizieren.
 

Du kannst diese Übungen nicht alle gleichzeitig machen. Aber du kannst eine der Übungen nehmen und eine Weile mit ihr arbeite. Dann probier eine andere.
Eine Übung zur Zeit, ein Moment zur Zeit, und du wirst besser darin, achtsam inmitten eines chaotischen Familietreffens zu bleiben. Und dann wirst du die Schönheit sehen, welche die ganze Zeit schon da war.
 

Frohes Fest!
Eure Sarina


Text inspiriert von Leo Babauta

3. Dezember 2014

Spiegelneuronen - Warum ich fühle, was du fühlst und warum die Intuition manchmal irrt.


„Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im eigenen Körper ein bestimmtes Programm realisieren können, die aber auch dann aktiv werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum dieses Programm in die Tat umsetzt.“

Die Forschung hat in Experimenten mit einem Affen herausgefunden, dass eine bestimmte Zelle verantwortlich ist für die Handlung „nach Nuss greifen“. Die Zelle „feuert“ (sendet Infos) aber nicht nur, wenn der Affe die Handlung ausführt, sondern auch, wenn er sieht, dass jemand anderes die Handlung ausführt.
Und sie feuert, wenn der Affe sieht, wie jemand anderes die Handlung beginnt auszuführen. "Spiegelneuronen können beobachtete Teile einer Szene zu einer wahrscheinlich zu erwartenden Gesamtsequenz ergänzen."
Wir ahnen, wir kennen das Handlungsmuster und erzählen uns die Geschichte zuende, bevor sie passiert ist. Das sieht man z.B. beim Mannschaftssport: Wenn sich beim Fußball die Spieler viel bewegen, spielen sie effektiver, da sie besser erkennen können, was der andere vorhat. Es erklärt auch, dass wir unruhig werden, wenn sich bei einer Veranstaltung ein Mensch komisch verhält – wir ahnen vielleicht, dass etwas Bedrohliches passieren könnte.

Intuitive Ahnungen können in einem Menschen entstehen, auch ohne dass er sich dessen bewusst ist. Und Intuition kann auch irren. Wenn ein Mensch in einer bestimmten Situation mit Menschen immer wieder dieselbe Erfahrung gemacht hat, wird er immer ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Gefühle oder Körperempfindungen erwarten. Auch, wenn das in einer neuen Situation überhaupt nicht gegeben ist. Irrtümer sind häufig, da Alltagssituationen oft mehrdeutig sind. Daher sollten sich immer Intuition und rationale Analyse gegenseitig ergänzen.


Bei Angst und Stress wird das Spiegelneuronen-System übrigens lahm gelegt. Untersuchungen zeigen, „sobald Druck und Angst erzeugt werden, klinkt sich alles aus, was vom System der Spiegelneuronen abhängt: das Vermögen sich einzufühlen, andere zu verstehen und Feinheiten wahr zu nehmen.

Intuition ist in Stress-Situationen also kein guter Ratgeber." Bevor man also auf seinen Bauch hören möchte, sollte man sich ein wenig beruhigen und dann bewusst handeln.
Da das Spiegelsystem auch stark mit dem Lernvermögen verbunden ist, nimmt die Fähigkeit zu lernen, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen unter Stress deutlich ab.



Literatur dazu „Warum ich fühle, was du fühlst“- intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen, Joachim Bauer


27. Oktober 2014

Netzwerktreffen Achtsamkeit in der Pädagogik

Treffen am 23.10.2014 in Berlin, Therapeium Zehlendorf

Es war total spannend zu erfahren wer wo worüber forscht. Es sind einige deutschsprachige Studien am laufen, die die Wirkung und Bedeutung von Achtsamkeit (im engeren und weiteren Sinne) im Schulkontext erforschen, z.B. in Freiburg, Frankfurt/Oder und Luzern. Inhaltlich geht es bei denen u.a. um Empathie und Emotionale Kompetenzen und Muße. Ziel der Forschung ist es u.a., Curriculums für Lehrer zu erarbeiten, welche Lehrer und Schüler im achtsamen Umgang miteinander unterstützen, zu erlernen dann als Lehrer Fortbildung.
Die Studie der Uni Freiburg z.B. forscht dazu an drei Schulen mit Lehrern und Schülern. Eine große Studie der Berliner TU untersucht das Thema achtsamer Konsum und schaut dazu in Unternehmen und Schulen. Außerdem wird zum Thema Bewusstseinsförderung in der Schule gearbeitet.
Es ging dann auch um etwas detaillierte Fragen und Schwieirgkeiten in der Forschung selbst: Erforscht man die Wirkung eines MBSR-Trainings, muss man dann die Variable des Kontextes miteinbezogen werden (z.B. zu welcher Jahreszeit wurde der Kurs gemacht, wie ist die persönliche Wirkung des Lehrers usf.) Oder andere Frage: Wenn man die Teilnmehmer der Studie per Video-Interview befragt, ist dann diese Methode nicht schon ein Eingriff, ein Kontext, da durch die Fragen eine tiefere Beschäftigung mit dem Thema initialisiert wird...
 
Ja, ganz spannend. Und irgendwie auch rührend dieses Bemühen etwas zu beweisen, was jeder erfahren kann, wenn er es mal ausprobiert. Auf jeden Fall interessiert mich die wissenschaftliche Seite - obwohl ich in der Runde als Praxis-Vertreterin saß und von meiner Arbeit an der Schule, als Netzwerkerin und als Autorin der Website für den Verein AKiJu berichtet habe.

Netzwerken

Die Website www.akiju.de geht nämlich Anfang November online. Dort werden Informationen bereit gestellt und Spenden gesammelt, um das Thema Achtsamkeit in der Schule weiter zu bringen. Vielfältige Infos stehen dort bereit für Schulen, Eltern, Kids und Sponsoren. In der Diskussion wurde klar, dass die Website noch viel mehr als Netzwerk-Knotenpunkt genutzt werden kann, indem man auch die Arbeitsbereiche Berliner Netzwerk achtsame Hochschule und das Thema achtsame Kita integriert. Außerdem soll der Aspekt Forschung noch mehr eingebunden werden und die Möglichkeit angeboten werden, dass Forscher und Praktizierende sich vernetzen. Da müssen wir nun also nochmal ran an die Website-Struktur! 

Diskussion

Desweiteren wurde wie so oft mal wieder diskutiert, was es bedeutet und beinhaltet als Lehrer Achtsamkeit an die Schule zu bringen. Die "achtsame Haltung" ist das A und O. Das sieht jeder in der Runde. Denn Achtsamkeit ist nichts, was man in einem Wochendworkshop lernt, sondern was man fortlaufend übt - ein Leben lang. Und mit der Zeit entwickelt man dadurch eine bestimmte Haltung. Und diese Haltung ist es am Ende auch, die dann im Klassenraum zum Tragen kommt, nicht, dass man weiß wie man die Kinder in die Meditationshaltung und die Klasse in die Stille bekommt.
Am Ende benötigen dann Lehrer, die bereits längere Übung in der Achtsamkeitspraxis haben, vielleicht nur wenige Übungstipps, um ihren Schülern das selbst Erlernte und Erlebte weiterzugeben - dazu brauchen sie ein kleines, für Individuelles offenes Curriculum
Lehrer ohne achtsame Haltung hingegen, können die überhaupt Achtsamkeit vermitteln, dürfen die so ein Curriculum einfach benutzen? Und wie stellt man eigentlich fest, ob jemand "richtig" achtsam ist oder nicht? 
Dies werden dann auch Themen sein, mit denen sich der Verein AKiJu auseinandersetzen muss, da er für Qualitätssicherung bei der Empfehlung von Programmen und Lehrern steht und natürlich die Sponsorengelder verteilt.

Also, es war ein interessantes Treffen, ich hab gute Leute kennengelernt und wiedergetroffen! Nun bin ich sehr gespannt, wie die Studien verlaufen und was sie ergeben werden. 

Mitte November steht die MBSR KOnferenz in Leipzig an, bei der ich in der Fachgruppe Achtsamkeit in der Schule die Website des Vereins präsentiere. Ich freu mich drauf!

So far. Liebe Grüße!



7. Oktober 2014

Happy Abwasch

Das Bild der wunderbaren Molly von Buddha Doodles zeigt, dass man jederzeit und bei den alltäglichsten Tätigkeiten bewusst fröhlich und zufrieden sein kann. Anstatt abzuwaschen und dabei an morgen oder gestern zu denken und sich vielleicht in Sorgen oder Grübeleien zu verstricken, kann man wahrnehmen, dass das Wasser angenehm warm ist, ja dankbar sein, dass es überhaupt wie durch ein Wunder immer verlässlich durch den Wasserhahn zu einem kommt. Dass man jetzt eine kleine Pause vom Denken nehmen und einfach nur abwaschen kann. Dass man das Geschirr schön sauber macht für sich selbst und die Familie usw.

Klingt langweilig? Ja wahrscheinlich. Bis zu dem Moment, in dem einem das zum ersten Mal magisch vorkommt. Der Moment, in dem man den Moment in seiner ganzen Tragweite wahrnimmt und versteht und mit dem ganzen Körper erlebt.

Unser LEBEN findet in eben diesem Moment statt! In diesem banalen Moment des Abwaschens. Und in all den anderen Momenten des alltäglichen Treibens, Anziehen, Kaffeetrinken, Fahrradfahren, Einkaufen... Ja, das ist unser Leben. Es ist voller Situationen, die sich scheinbar wiederholen und die erstmal nicht besonders erscheinen. Und es ist eine Kunst und Bedarf der Umgewöhnung, in all diesen Moment das Besondere zu sehen, nämlich das LEBENDIGSEIN. Man muss dazu wach und präsent sein und verstanden haben, dass sich über Dankbarkeit und Gleichmut Zufriedenheit und das Glück einstellen.

Irgendwie glauben wir unser Leben fand statt, damals im Urlaub oder damals als wir noch Kind waren. Oder wir warten auf ein nächstes tolles Event, in dem unser Leben stattfinden wird. Und dazwischen warten wir ab, denken herum, grübeln, sorgen uns, proben Gesprächen, Planen Projekte. Kommt dann das tolle Event, sind wir meist zu aufgeregt und unpräsent, um es wirklich zu genießen und sind hinterher vielleicht sogar noch enttäuscht.

Tatsächlich wiederholen wir die meisten Gedanken ständig, selten ist etwas ganz Neues, Frisches dabei. Wir wiederholen die Gedanken für uns und in Gesprächen wiederholen wir sie wieder und wieder. Und so passiert es, dass wir zum zehnten Mal darüber nachdenken, was der Kollege im Büro neulich mit seinem Kommentar meinte oder uns langsam wieder in den Ärger über  Politik, das Wetter, unsere schlechte Diätdisziplin oder was auch immer hineinsteigern - anstatt einen Moment zu haben, in dem wir voller Genuss und Dankbarkeit das warme Abwaschwasser an unseren Händen spüren und uns z.B. freuen, dass wir eine Familie oder einen Partner haben, für den wir abwaschen können.

In so vielen Büchern, Artikeln, Sprüchlein lesen wir, dass Glück und Zufriedenheit, Frieden und Mitgefühl in uns selbst entstehen muss unabhängig von dem Äußeren, unabhängig von den "Geschichten" die wir uns erzählen. Und dabei ist es immer wieder dieser banale Moment, der damit gemeint ist - in dem wir realisieren, dass er eben nicht banal ist, sondern dass in ihm sich unser ganzen Leben abspielt. Denn es gibt immer nur diesen Moment. Alles andere ist Schall und Rauch.

Also, Wachheit und Bewusstmachung bringen uns dahin, das wahrzunehmen und zu wertschätzen, was wir tatsächlich gerade erleben. So wird aus dem gedanklich vorgestellten Leben ein mit Lebendigkeit gefülltes SEIN. 

Eigentlich ist es ganz einfach.
Ich wünsche euch einen schönen nächsten Abwasch!



18. September 2014

Lücken zulassen



"Ich betrachtete wieder die leere Stelle an meinem Finger, wo der Ring gesessen hatte. Diesmal sah ich wirklich eine leere Stelle. Zum ersten Mal in meinem Leben erfüllte mich ein Verlust mit Neugier.
Was würde kommen, um diese leere Stelle zu füllen? Würde ich einen anderen Ring anfertigen? Oder würde ich in einem Laden oder auf einer Reise einen anderen Ring finden? Vielleicht würde mir irgendwann einmal jemand, den ich noch nicht kannte, einen Ring schenken, weil er mich liebte.
Ich war fünfundreißig Jahre alt und hatte noch immer nicht gelernt, dem Leben zu vertrauen. Ich hatte niemals irgendwelche leeren Stellen zugelassen. Wie meine Familie hatte ich geglaubt, dass leere Stellen auch leer blieben. Zu leben hatte bedeutet, sich an das zu klammern, was man hatte. Meine medizinische Ausbildung hatte mich in meiner Haltung, Verluste um jeden Preis zu vermeiden, noch bestärkt. Alles, was ich jemals losgelassen hatte, zeigte bleibende Spuren meiner Umklammerung. Doch mit dieser leeren Stelle an meinem Finger verhielt es sich anders. Sie erfüllte mich mit einer ähnlichen Spannung und Vorfreude wie eine eingepacktes Weihnachtsgeschenk."

Rachel Naomi Remen (aus: Endanfänge)

Text gefunden im "Mit Kindern wachsen" Helft Juli 2014
 



15. September 2014

Atem Pause

Ich wurde gefragt, was im Kern die Achtsamkeitspraxis im Alltag beeinhaltet und was sie dabei so wertvoll macht? Was lässt die Kranken gesunden, die Gestressten sich entspannen, die Verwirrten Klarheit finden, die Deprimierten aus dem negativen Gedankenkarussel aussteigen?
Natürlich fallen mir dazu all die heilsamen Aspekte ein, die eine Achtsamkeitspraxis mit sich bringt. Doch wenn ich genauer hinschaue, hat es sehr viel mit dem Atmen zu tun.

Ich erinnere mich selbst an meine Anfänge mit der Praxis und wie ich anfing, über den Tag verteilt immer wieder bewusst meine Atmung zu registrieren, öfter auch mal tief und dankbar durchgeatmet habe. Es war anfangs wirklich jedesmal wie eine kleine Erleuchtung. Daneben habe ich Yoga praktiziert, das starken Fokus auf die Atmung legt (Vinyasa) - für eine Stunde am Tag praktizierte ich also bewusstes Atmen, Ujjayi Pranayama. Seither ist der Atem mein Begleiter, mein Freund, mein Heiler, mein Kraftspender, den ich pflege, kultiviere, nutze. 


ATMEN. Das Wertvolle daran ist, glaube ich: Über den Atem als Anker im Alltag finden wir in eine Präsenz in der augenblicklichen Situation - sei sie eine stressvolle, schmerzhafte, grüblerische, chaotische - und wir steigen aus, atmen, entspannen, sind bei uns. Der Körper entspannt sich, das ist heilsam. Wir finden über den Atem zu einem stillen, entspannten, klaren Raum in uns, der immer da ist, immer verfügbar. Der uns einen Augenblick zuvor nicht bewusst war, nicht verfügbar erschien und sich durch das bewusste Atmen zeigt. Das ist kraftvoll, spendet Sicherheit, lässt Vertrauen wachsen.

Also, wenn du auch nicht meditierst oder Yoga machst oder sonst einer formalen Praxis in der Richtung nachgehst - bewusst atmen kannst du jederzeit und du kannst sofort damit beginnen und selber schauen, ob es auch für dich wertvoll und heilsam ist.
 






30. Juli 2014

Dankbarkeit

DANKBARKEIT macht aus dem, was wir haben, GENUG.

und was geschieht, wenn wir das gefühl haben, genug zu haben, kein mangel zu leiden, sondern im gegenteil aus der fülle zu schöpfen, er-füllt zu leben? wir sind glücklich und zufrieden.

ich spüre das immer ganz deutlich, wenn ich z.b. wie heute spazieren gehe und daran denke, wie froh ich über meine partnerschaft bin, oder meinen job oder wie ich mich über das geschenk der nachbarin gefreut habe oder das lächeln meines kindes. mir wird warm ums herz und ich möchte DANKE sagen.
aber auch, wenn ich kranke menschen sehe oder menschen im krieg, werde ich unendlich dankbar für meine gesundheit und den frieden in meiner umgebung. sie werden zu etwas KOSTEBAREM und ich schätze mich glücklich.

ich glaube an eine DANKBARKEITS-Praxis für mehr Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden! 

16. Juli 2014

nie // genug


Das Gefühl des Mangels kennt jeder. Das Gefühl, man brauche noch dies oder jenes, damit es einem gut ginge oder man glücklich und zufrieden sein könnte. Das sind manchmal materielle Dinge wie Klamotten, Essen, ein eigenes Haus, eine neue Frisur oder Figur - manchmal sind es imaterielle Dinge, dass wir uns z.b. eine glücklichere Kindheit wünschen, einen besseren Partner, einen liebenswerteren Charakter, noch ein Retreat oder eine Yogalehrer-Fortbildung oder mehr Frieden, am besten den Weltfrieden.

Was passiert durch dieses Mangelgefühl? Mangel geht einher mit Verlangen. Wenn man das Gefühl hat, mir fehlt hier was, bekommt man sofort das Bedürfnis danach, das Loch zu füllen. Manchmal entsteht daraus eine jahrzehntelange Sehnsucht, es entstehen unheilsame Verhaltensmuster oder Depressionen und Ängste. Es entsteht Leid.

Wenn wir dieses ewige Wollen, dieses ständige Unzufriedensein, dieses viele Wünschen und Begehren sehen, beobachten und unser persönliches Muster durchschauen, verliert es seine Macht und wir gewinnen an Freiheit. Und wir können es am besten beobachten und durchschauen, indem wir achtsam sind und freundlich das wahrnehmen, was da ist.


Ich glaube, jegliches Mangelgefühl resultiert aus dem ursprünglichen Glauben, man selbst sei nicht genug. Der Glaube, man sei unvollkommen, müsse noch dies oder jenes tun oder lassen, damit man liebens-würdig und respektabel ist, bringt uns in die Verstrickung mit anderen Mangelgefühlen. Das Loch, dass wir stopfen wollen, sind wir selbst. Oder das, was wir glauben, was wir sind.

Was wäre nun, wenn jemand uns glaubhaft machen könnte, wir wären vollkommen, perfekt, liebenswürdig, egal was wir täten? 

Wie sehr würden sich Wünsche und Verlangen relativieren...

Doch leider begegnen wir nur selten jemandem, der uns das sagt oder dem wir das so 100%ig glauben. 
Wir selbst müssen derjenige sein, der uns das glaubhaft macht. Wir selbst müssen erkennen, dass wir perfekt und voller Liebe, Friede, Fülle auf diese Welt kamen und dass wir nichts von dieser Perfektion verloren haben, weder durch Fehler die wir begangen haben, noch durch Ereignisse, die uns widerfahren sind.

Bemühe dich und kümmere dich darum, dich davon zu überzeugen, dass du wirklich, wirklich genug bist, genug hast und dass du immer aus einer unendlichen Fülle deiner selbst schöpfen kannst.
Es lohnt sich!  
Und gib anderen Wesen das Gefühl, dass sie in deinen Augen vollkommen und liebenswert sind und mach damit die Welt für sie zu einem schönen und sicheren Ort.

P.S.: All abendlich schaue ich in das Kinderbettchen, bin überwältigt von so viel Schönheit, Niedlichkeit, Frieden, Ruhe, Vollkommenheit, Perfektion. Wie könnte dieses Wesen jemals nicht genug sein? Es wird immer vollkommen sein! So wie jeder von uns immer vollkommen war, ist und sein wird!
 

sending love & light, sarina 
















15. April 2014

Sieh das Gute in dir selbst


Es ist gut und wichtig die guten Seiten eines Menschen zu erkennen. Denk an eine Freundin, was magst du an ihr? Oft ist es leichter, die guten Seiten der Freunde zu sehen und sich selbst nicht so positiv wahrzunehmen. Jeder hat verschiedene Seiten, wir sind ein Puzzle aus verschiedenen kleinen Steinchen. Es ist wichtig, das ganze Mosaik zu sehen! Worauf richtest du deine Aufmerksamkeit normalerweise? Kritisierst du dich oft selbst?
Für unser Lernen, für unser Gehirn ist es wichtig, dass wir oft positiv über uns selbst denken. Wenn wir immer nur an die negativen Sachen denken, verstärken wir ein Gefühl der Mittelmäßigkeit.
Wir sind grundsätzlich gute Menschen. Wir werden gut geboren, voller Liebe, Wärme, Mitgefühl, voller Talente und Potential. Daran müssen wir uns öfter bewusst erinnern. Das stärkt uns, hält uns gesund, ermöglicht uns offen, neugierig, freundlich, kreativ und positiv zu sein. Wir machen Fehler und haben auch unsere Macken. Je schneller du dir selbst vergeben kannst, desto schneller findest du wieder in einen positiven Modus und den weiten Raum, in dem du die Möglichkeiten hast dein Gutsein zu erleben. 
Tipps:
-       Denke an deine positiven Eigenschaften
-       Denke daran, was du alles schon gemacht hast für andere (deinen Freund, deine Familie, deine Kinder, Fremde)
-       Denke daran, was du dir selbst Gutes getan hast (reisen, essen, Sport, Freunde treffen, Geschenke)
-       Welche Jobs dir liegen, worin bist du gut
-       Welche positiven Pläne du für die Zukunft hast
-       Welche Schwierigen Situationen du schon überstanden hast und wie du weiser und gestärkt daraus gegangen bist

 

8. April 2014

Entscheide dich zu tanzen


Ich weiß, dass die Stimme der Depression
Immer noch nach dir ruft.
Ich weiß, dass dir jene Gewohnheiten,
Die dein Leben zerstören können,
Immer noch ihre Einladungen schicken.

Doch jetzt weilst du bei dem Freund
Und siehst so viel stärker aus.
Bleib so
Und entfalte dich noch mehr!

Fahr damit fort, Sonnentropfen
Aus deinen Gebeten, aus deiner Arbeit und Musik
Und aus den schönen Liedern deiner Gefährten zu filtern.
Schöpfe immer wieder Sonnentropfen
Aus den heiligen Händen und dem Blick deines Geliebten
Und, mein Liebes,
Aus den unbedeutendsten Bewegungen
Deines eigenen heiligen Körpers.

Lerne, das Falschgeld zu durchschauen,
Das dir vielleicht einen Moment des Vergnügens beschert,
Doch dich dann tagelang hinter sich her schleift
Wie einen gebrochenen Mann hinter einem furzenden Kamel.

Jetzt bist du mit dem Freund.
Finde heraus, welche deiner Handlungen Ihm Freude bereiten,
Welche deiner Handlungen
Zu Freiheit und Liebe führen.

Hafiz 
(persischer Dichter, * um 1320, † um 1389)


4. April 2014

Vergangenes heilen durch Präsenz im Jetzt

Viele Menschen glauben, dass wir schwierige Erlebnisse aus der Vergangenheit besser bewältigen können, indem wir viel darüber nachdenken, darüber reden, sie analysieren, beschwören oder im Gegenteil gegen die Erinnerung ankämpfen, sie verleugnen, bagatellisieren, verdrängen oder schön reden.

Auch Seminare, Therapien, Bücherlesen, Religion, Esoterik usw. angewendet, um mit diesem oder jenem endlich "seinen Frieden zu machen", kann auch schnell mal kontraproduktiv werden. Denn auch auf diese Weise kann man an den Ereignissen festhalten, sie immer wieder wachrufen und thematisieren, und sich schnell in einer Rolle einleben, blind werden und stecken bleiben. 



Bewusste Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Analyse kann zur Bewusstwerdung, zum Verständnis, zur Einsicht und Klärung dienen. Wesentlicher für die Heilung aber sind Aspekte und Strategien, die viel mehr mit dem bewussten SEIN in der Gegenwart zu tun haben. Denn wirklich beeinflussen, verändern, transformieren und heilen können wir immer nur JETZT, in diesem Moment, in dem wir uns bewusst entscheiden wahrzunehmen was ist, lebendig zu sein, zu realisieren wo wir gerade stehen, welche Möglichkeiten uns hier und heute zur Verfügung stehen.

Wenn wir dann erkennen, was wir hier und heute haben, nämlich ein kostbares Leben, Familie und Freunde, Macht und Gestaltungskraft, Talente und Potentiale usw., wenn wir das von Moment zu Moment wirklich realisieren und wertschätzen, verändert sich unser Bewusstsein ganz automatisch und unser Blick in die Vergangenheit, auf die Ereignisse oder die Bilder, die wir in uns tragen, wird ein anderer, er relativiert sich. Hier geschieht die Heilung.

Das ist das Wunder der Achtsamkeit. Wir müssen gar nichts TUN, wir müssen nur bereit sein, immer wieder, präsent zu sein und wahrzunehmen, was sich hier und jetzt gerade zeigen will - freundlich, offen, sanft und wenn möglich mit einer Portion Gelassenheit und Humor.

<3


29. März 2014

Das Leben in seiner Tiefe annehmen

"Es geht ja nicht darum, stundenlang reglos auf einem Kissen zu sitzen. Achtsamkeit heißt, sich nicht ständig von Begierden und Ängsten treiben zu lassen, sondern sich der Realität mit Offenheit, Mitgefühl, Toleranz, Geduld und Akzeptanz zuzuwenden – so gut es eben geht. Das hat nichts mit Resignation oder passivem Gutheißen zu tun.

Es geht eher um eine grundlegend andere Perspektive auf die Welt: Statt nur um unsere eigenützigen Interessen, Verluste und Aversionen zu kreisen, weitet man den Blick fürs große Ganze. Es geht darum, das Leben in der Tiefe anzunehmen; sich den unvermeidbaren Aspekten des Lebens zuzuwenden. Diese Zuwendung zu oft schwierigen, schmerzlichen Erfahrungen kann nicht gelingen, ohne dabei ein gewisses Maß an Geduld, Gleichmut, Mitgefühl und sogar Mut zu entwickeln. Vor allem diese ethischen Qualitäten sind es, die dazu beitragen, sich selbst und anderen Menschen offener und freundlicher zu begegnen. Und das kann sehr heilsam sein."  

Paul Grossman in "Die Zeit", 2013

Grossmann ist Forschungsdirektor der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Basel und Direktor des Europäischen Instituts für Achtsamkeit in Freiburg i.Br.

4. März 2014

Wege in die Lebendigkeit


Was bedeutet Leben? Was verstehst du unter „lebendig sein“? Bedeutet es, dass dein Herz schlägt und du am Leben bist, oder dass du viel unterwegs bist und viel unternimmst, dass du kreativ bist in deiner Arbeit, dass du mit Menschen zusammen bist? Wann fühlst du dich lebendig?
Meist fühlen wir uns lebendig, wenn wir uns freuen und aufgeregt sind, aber auch wenn wir traurig oder wütend sind. Emotionen haben viel mit sich-lebendig-fühlen zu tun. Die emotionalen Dramen, die wir manchmal sogar künstlich erschaffen, dienen nicht selten dazu, dass wir uns lebendiger fühlen, uns selber spüren.
In vielen Aspekten des Lebens ist aber auch unser rationaler Verstand gefragt. Wir müssen Planen, Strukturieren, Dinge überdenken, Probleme lösen. Tatsächlich denken wir gewohnheitsmäßig ständig über dies oder jenes nach. Manchmal geraten wir regelrecht ins Grübeln. Und manchmal kommen wir sehr schnell aus dem emotionalen Erleben in ein Darüber-Nachdenken oder Analysieren. Und es kann sogar sein, dass wir das Gefühl gar nicht erst richtig empfinden, sondern gleich viele Gedanken daran heften. Damit lenken wir uns von der Empfindung ab – vielleicht ist uns das Gefühl zu stark oder unheimlich oder wir sind es gewohnt uns zu kontrollieren.
Abwenden vom Leben
Wenn wir uns allerdings mit Hilfe von Gedankengängen – Analysieren, Grübeln, an-etwas- anderes-denken – von dem Empfinden ablenken, können wir uns nicht mehr lebendig fühlen. Oft wenden wir uns deshalb von einer Erfahrung ab, wenn wir glauben, damit Schmerz vermeiden zu können. Tatsächlich liegt in diesem Abwenden der Grund dafür, dass die Angst vor dem Schmerz und der Schmerz selbst erhalten bleiben, dass sie sich vielleicht sogar vergrößern und dass noch Extra-Leid hinzukommt.
Auch mit Emotionen lenken wir uns manchmal von Emotionen ab, z.B. wenn wir eigentlich traurig und enttäuscht sind, kann es vorkommen, dass wir das Gefühl mit Ärger oder sogar Wut ersetzen. Ein Gefühl wie Wut ist oft leichter zu ertragen als Traurigkeit, außerdem ist es gesellschaftlich viel anerkannter und die Leute können damit besser umgehen. Vielleicht werden wir dadurch zu einem nörgelnden oder jähzornigen Menschen, obwohl unser Herz eigentlich Trost und Verständnis sucht. Auch hiermit verhindern wir, dass ein bestimmter Teil von uns lebendig sein kann.
Das Abwenden von der Empfindung kommt einem Rückzug vom Leben gleich. Denn das Leben kann nur in der direkten Erfahrung erlebt werden kann. Die Achtsamkeit ist eine Praxis, sich der lebendigen Erfahrung bewusst zuzuwenden.
„Sie werden empfindsam für die derzeitige Erfahrung des Lebendigen, dafür, wie die Dinge sich unmittelbar anfühlen. Sie sitzen nicht herum und entwickeln erhabene Ideen über das Leben. Sie leben.“ Bhante Gunaranta
Denn das Leben hat etwas mit ERLEBEN zu tun, damit, Dinge an sich heran- und dann auch aus sich heraus zu lassen. Beim Erleben lassen wir uns berühren – von einem Gefühl, ausgelöst vielleicht von einem schönen Bild, einem traurigen Lied, einem freundlichen Wort, einem erschreckenden Unfall oder einer aufwühlenden Gespräch.  
Wenn man mit einem starken Gefühl konfrontiert wird oder in depressiver Stimmung ist, kann es eine große Herausforderung sein, sich der Erfahrung, dem Empfinden wirklich zuzuwenden.
Gedanken und Gefühlen begegnen
Achtsamkeit dient nicht dazu, sich durch die Praxis „besser zu fühlen“. Tatsächlich wäre dies ein Wunsch, Gedanke, eine Erwartung, die einen wieder ablenkt und mit dem man sich von der aktuellen Erfahrung abwendet. Vielmehr macht die Übung des achtsamen Gewahrseins es möglich, egal wie die Umstände gerade sein mögen, in direkterem Kontakt zur Lebenserfahrung zu sein. Achtsamkeitspraxis führt u.a. dazu, sich lebendiger zu fühlen.
Ein wesentlicher Aspekt bei der Praxis ist, dass wir erfahren, dass es möglich ist, mit dem Gefühl, mit der Erfahrung, mit dem Schmerz zu sein, dass wir das tolerieren und annehmen können. Wir erkennen vielleicht mit mehr Klarheit, dass das, was das Erleben so unerträglich macht, die Angst davor ist, dass der Zustand sich nie ändern wird, dass das Gefühl nie mehr weggeht oder dass es einen überwältigt und in einen Abgrund zieht.
Achtsamkeit und Lebendigkeit
Diese Angst aber ist genährt von Gedanken. Und Gedanken sind nicht Tatsachen, sondern eben nur Gedanken. Sie kommen und gehen. Es reicht nicht, dass wir identifizieren, welche Gedanken uns vielleicht so verwirren und ängstigen, sondern es ist entscheidend, dass wir erkennen und bewusst erleben, dass sie kommen und gehen, dass sie nicht zwangsläufig zu uns gehören, dass wir uns nicht mit ihnen identifizieren sollten. Bei wiederkehrenden negativen Gedanken üben wir vielleicht verzweifelt diese loszulassen, sie wegzumachen, sie wegzudrücken, durch positive zu ersetzen.
Tatsächlich ist es hilfreicher ihnen mit Akzeptanz, mit Humor, mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen. Wie durch ein Wunder lassen sie einen dann nämlich los. Gedanken sind wie eine sanfte Briese, wie die Blätter am Baum oder Regentropfen, die fallen. Sie sind unpersönlich. Sie tauchen auf, wir können sie anschauen, uns mit ihnen „befreunden“ und sie wieder gehen lassen.  
Wenn wir in Kontakt mit dem Leben sind und all das Chaos zulassen können, das innere und das äußere, ohne es permanent in gut und schlecht, angenehm und unangenehm, wünschenswert und abzulehnen usw. einzuteilen, dann sehen wir, dass gerade darin die Lebendigkeit erfahrbar wird. Und am Ende fühlen wir uns dadurch sogar „besser“ – einfach weil wir uns weniger persönliche Grenzen auferlegen und das ganze Potential und Spektrum unserer Persönlichkeit erfahren können; weil wir uns freier fühlen ohne die Angst vor einem bestimmten Erleben; und weil wir tatsächlich bewusster die vielen kleinen oder großen Momente erleben, die uns glücklich und zufrieden sein lassen, die unser Herz erfreuen, unsere Seele streicheln, die uns ein Gefühl von Sicherheit, Verbundenheit und Zuhause vermitteln.

3 Tipps, das Leben noch besser mitzubekommen:
·       Bewusst essen. Nur deine Mahlzeit und du. Keine Ablenkung, Unterhaltung, kein verstecken hinter Zeitschriften oder dem Handy. Schauen, wie schmeckt das gerade, wie fühlt sich das an, einfach nur zu essen, was geschieht um mich herum (im Café z.B.)?
·       Tu was mit Hingabe. Widme dich einer Sache, die du entweder erledigen musst, die ganz alltäglich ist oder die du richtig gern tust und gib dich dem ganz hin. Sei ganz bei der Sache und gib all deine Liebe hinein. Lass dir Zeit und sei offen für das, was entsteht.
·       Sei mit deiner Emotion. Wenn du das nächste Mal merkst, wie die Wut in dir hochkommt und dir heiß wird oder dir die Beine schwach werden vor Furcht oder Unwohlsein oder du enttäuscht wirst und es dir einen Stich ins Herz versetzt – bleib dabei, ganz nah, ganz vertraut, steh dir selbst bei als Freund, als Beobachter, als Zeuge. Lass das Gefühl zu, rede nichts schön, lenke nicht ab, aber steigere dich auch nicht hinein. Sei mit dem Gefühl und schau wie es durch dich hindurch strömt oder vielleicht mit deinem beruhigenden Atmen abklingt und wieder verschwindet.

19. Februar 2014

Furchtlose Annäherung an das Leben - Der Weg des Kriegers (4)



Umgang mit Angstgefühlen – Pema Chödrön
Frage dich: Wovor habe ich Angst? Mach eine Liste (sie kann unter Umständen sehr lang werden): der Hund von nebenan, ein Verwandter, deine Chefin, der Zukunft, vor Krankheit?
[...Nimm dir vielleicht jetzt beim Lesen kurz Zeit für diese Frage]

Wenn du tiefer schaust, praktizierst und immer tiefer schaust, erkennst du, es ist die Angst nicht genug zu sein, nicht gut genug zu sein, die Angst etwas zu verlieren, die Angst nicht geliebt zu werden. Wir haben tief verankerte Ängste, die manchmal nicht mal verbalisiert wurden oder nicht bewusst sind.
Wenn du tiefer und tiefer gehst, findest du mit Sicherheit eine bestimmte Angst vor dir selbst, Scham vor dir selbst, Angst dich näher anzuschauen, Angst vor dem, was du sehen wirst, wenn du dich selbst genau anschaust. Diese Angst hat eigentlich fast jeder.
Den „mutigen Krieger“, den Krieger des Mitgefühls zu kultivieren bedeutet, die Angst vor uns selbst anzuschauen und zu überwinden, das ist das Herz der Praxis des Kriegers.
Das Herz der Botschaft ist, dass wir keine Angst vor uns selbst haben müssen!
Es gibt kein lebendes Wesen, das nicht eine riesige Kreativität besitzt, das nicht eine riesige Offenheit besitzt, es gibt niemanden, der nicht Zärtlichkeit und Stärke in sich hat. Warum sollte ich eine Ausnahme sein?
Das ist es, wo wir steckenbleiben, dass wir uns selbst nicht trauen. Das ist es, wo alles verdreht wird, wo es seltsam wird – ... sich selbst nicht vertrauen, nicht respektieren.


Es gibt eine Quelle des Vertrauens: Du kannst darauf vertrauen, dass, was auch immer du sagst oder tust, du eine Antwort bekommen wirst von der Welt. Da kommt immer eine Kommunikation zurück zu dir. Auf die "Quelle des Vertrauens" kannst du dich verlassen, nicht in dem Sinne, dass sie für dich arbeiten wird oder dass alles gut werden wird, sondern du kannst vertrauen, dass die Welt dir immer die Informationen geben wird, die du brauchst um Offenheit und Furchtlosigkeit zu praktizieren.
Und du wirst feststellen, dass es eine sehr reichhaltige Welt ist, eine die nicht alle wird, wo es immer Antworten und Botschaften für dich geben wird. Entgegen der Annahme, dass die Situationen in der Welt, dass alle Dinge entweder ein Problem oder ein Versprechen sind, kann man annehmen, dass die Welt eine unendliche Fülle an Botschaften bereit hält, ein Reservoir, dass niemals austrocknet.
Es geht bloß schief, wenn du versuchst, daran zu drehen, so dass die Dinge so laufen wie du sie gern hättest, dann bekommst du keine klaren Botschaften mehr. Dann kannst du nicht mehr kommunizieren, kein Mitgefühl praktizieren, mit anderen Menschen dich nicht wirklich austauschen.
Also die erste Qualität ist Vertrauen, Vertrauen in die Fülle der Welt.
Und die zweite folgt der ersten und ist Freude oder Dankbarkeit.
Woher kommt die Freude? Die Freude kommt daher, wenn man realisiert, dass es niemals zu einem endgültigen Ende kommt, was auch immer heute passiert, es ist der Samen für das was kommt, es ist ein Prozess, es ist dynamisch.
Das ist das Problem, wenn schlimme Sachen passieren, dass wir daran festhalten, fixieren: „es wird immer so sein, so wie dieses schreckliche Ding, das passiert ist“. Dieser schwere Fels, der um deinen Hals hängt und dich runterzieht, runter in eine Depression oder riesige Angst oder lähmende Selbstzweifel.
Also etwas, das man beim Thema Freude empfindet, ist eine Art Zweifels-Freiheit, endlose Zweifellosigkeit darüber, dass kein Gefühl endgültig für immer da ist: no feeling is final.
Es ist das Ende von einer Sache und der Beginn einer neuen Sache, etwas Frischem. Es ist zur selben Zeit die Verwirklichung und der Samen für das, was kommt.
Die Freude entsteht, wenn wir uns in Richtung dieser Bewusstheit bewegen, wenn wir diese Offenheit gewinnen und diese Haltung gegenüber der Welt entwickeln. Dann wirst du nicht mehr hin- und hergeschleudert wie ein Ping Pong Ball.
Doch wir lieben das Auf- und Niedergeschleudert-werden, das Drama! Im Gegensatz zu dem anscheinend Gleichbleibenden, Langweiligen. Und daher leiden wir. Wir entfliehen dem langweiligen Moment: „ich putze zum millionsten Mal meine Zähne und werde es auch noch zig Mal tun, wie öde, ich flüchte mich daher lieber in ein paar sexuelle Fantasien, während ich Zähne putze“. (Wenn du in mein Alter kommst [Pema ist heute eine betagte Dame], dann bist du dankbar für die wenigen, noch übrig geblieben Zähne, die du noch hast!)
Erinnere dich: Da ist eine Dankbarkeit möglich, nicht dafür, dass alles gut geht, sondern weil man alles als ein dynamisches Fließen sehen kann, weil man immer Botschaften von der Welt bekommen wird, weil man immer kommunizieren kann.
Erfolg und Niederlage sind der Weg! Das ist ein wirklich anderer Weg [als das, was wir uns insgeheim wünschen, nämlich dass alles toll sein sollte – deswegen sind wir in Widerstand zu allem, das „schief geht“.] Dieser Weg ist einer, der von einem sanften Herzen kommt und der eine furchtlose Annäherung an das Leben ist, sodass wir voll und ganz mit dem Lebensfluss sein können. 
 
Meine Übersetzung zweier Vorträge von Pema Chödrön, gesehen bei Youtube

17. Februar 2014

glaube an dich, denn du bist ein erstaunliches wesen!

kommen wir als unbeschriebenes blatt auf die welt, tragen wir genetisch manifestierte erfahrungen unserer vorfahren in uns oder sind wir gar reinkarnierte wesen und bringen weisheit aus vorherigen leben mit?

letzteres nehmen z.b. die buddhisten an, was zur folge hat, dass in ihrer tradition bereits jedem neugeborenen in hohem maße respekt und anerkennung entgegengebracht wird - man weiß ja nicht, welch ein meister da gerade das licht der welt erblickt hat!

 

elterlicher umgang, gesellschaft, kultur usw. tragen maßgeblich dazu bei, wie sich das wesen eines menschen entfalten kann. nicht immer werden optimale umstände geschaffen - und talente, potentiale und wertvolle wesenseigenschaften werden manchmal unterdrückt, verschüttet, abgeschnitten.

es ist unsere chance, uns selbst als geborene meister zu sehen und uns ggf. auf die suche nach den verschütt gegangenen anteilen in uns zu machen. sich selbst diesen respekt und die nötige anerkennung zu geben und danach zu leben, kann viel in bewegung setzen und verändern - in uns und in unserem umfeld.

wer bin ich, was ist mein eigentliches wesen, was kann ich, was möchte ich - wirklich? wie wäre es, sich selbst immer mal wieder so zu sehen, als frisch auf die welt gekommenes wesen, das alles noch vor sich hat und die superladung leben mitbringt?

glaube an dich, denn du bist ein erstaunliches wesen!