12. Dezember 2015

Über die Liebe


Die Liebe! Die Liebe... Die Liebe??


Liebe ist wohl die größte Kraft. Sie trägt das Leben, ohne sie wäre es nicht möglich. Sie ist der Stoff, aus dem wir bestehen, eine kraftvolle Mischung aus Offenheit und Wärme. Wir brauchen sie, um echten Kontakt herzustellen und Verbundenheit zu empfinden, um Freude und Wertschätzung zu empfinden, um in Harmonie zu sein. Aber wenn doch die „Macht der Liebe“ so stark ist, warum gibt es dann so viel Kampf und Konflikt, so viel Angst und Verwirrung unter den Menschen? Warum ist es so schwer sich der Liebe ganz zu öffnen?

Im Grunde unseres Herzens sehnen wir uns alle danach anerkannt, gewertschätzt und akzeptiert zu werden, so wie wir nun einmal sind – mit unseren Stärken und Schwächen. Wir haben jeder Erfahrungen gemacht, für andere nicht gut genug zu sein – im Job, in Partnerschaften, in Beziehung zu unseren Eltern. Dadurch wurde unser Vertrauen in die Liebe erschüttert. Wir haben gelernt, dass sie „bedingt“ und „abhängig von“ ist, von Leistung, Aussehen, Erwartungserfüllung usw. Dadurch entsteht dann der tief sitzende Verdacht in uns, dass wir nicht einfach für den, der wir sind, geliebt werden. Dieser Zweifel an der Liebe, diese Unsicherheit und Angst untergräbt unsere natürliche Fähigkeit unsere Liebe frei zu geben und sie zu empfangen. Wir kämpfen mit Furcht vor Missbrauch und Ablehnung, mit Eifersucht und Rachsucht, wir bauen Mauern oder sind streitlustig, um zu ständig zu beweisen, dass wir im Recht sind usw. Eine „Stimmung mangelnder Liebe“, nennt John Welwood diesen Zustand in unserer menschlichen Welt. 


Absolute Liebe – relative Liebe


Dabei sind wir von Natur aus voller Liebe, jeder und jedes Wesen. Die absolute Liebe fließt durch uns hindurch und ist immer verfügbar. Wir können sie in jedem Moment spüren, wenn wir uns nur dafür öffnen würden; wenn wir Zweifel, Ängste und Kontrollmuster loslassen könnten und uns der grundlegenden Liebe allen Lebens hingeben würden. Denn absolute Liebe ist die Liebe des Seins selbst und sie ist vollkommen unabhängig von unserer Umgebung. Mit dem Sein selbst in Kontakt zu sein, wärmt und nährt uns von innen, schenkt uns Kraft, Zuversicht und Selbstvertrauen. Wenn wir uns entspannen und in uns ruhen, können wir diese Kraft, diesen Lebensstrom der Liebe spüren.

In Beziehungen können wir diese absolute Liebe weder erzeugen noch dürfen wir sie vom anderen erwarten. Doch Beziehungen dienen als Spiegel, in dem wir diese absolute Liebe in uns selbst erkennen können. Werden wir geliebt, gehalten, anerkannt, gewertschätzt und akzeptiert wie wir sind, spüren wir die Wärme und Offenheit des anderen, die uns gut tut, weil sie in unserem Herz die absolute Liebe erfahrbar macht. Werden wir geliebt und können die Liebe auch annehmen, spüren wir wie diese absolute Liebe frei durch uns hindurch fließt. Oft glauben wir dann, dass es uns so gut geht, weil der andere uns diese Liebe gibt - das macht uns abhängig. Tatsächlich lässt uns der andere bloß die Fülle der Liebe in uns selbst erfahren, wir sind so glücklich, weil wir uns endlich spüren, endlich Ja zu uns selbst sagen können.

Oft erwarten wir auch, dass wir bedingungslos geliebt werden, dass der andere die „Hauptquelle“ der Liebe sein sollte. Das führt zu Leid und Frustrationen. Denn das, was wir als zwischenmenschliche Liebe kennen, ist „im Gegensatz“ zur absoluten Liebe eine relative Liebe – relativ, weil abhängig von Zeit, Umgebung, Stimmung, Konditionierungen und Verhaltensmustern aller Beteiligten. Die Konzentration auf den Versuch, etwas vom anderen zu bekommen, hindert uns daran, in unserem eigenen Urgrund zu ruhen und zu verweilen, es macht uns äußerlich abhängig und innerlich abgeschnitten.

Als irdische Geschöpfe sind wir ständig relativen Enttäuschungen, Schmerz und Verlust ausgesetzt sind, deswegen können wir uns nicht anders fühlen als verletzlich. Doch „in der tiefen Wahrnehmung der Einheit mit dem Leben erkennt man, dass man nicht verwundet ist, nie verwundet gewesen ist und nicht verwundet werden kann.“, schreibt John Wellwood. Ganz authentisch und menschlich zu sein bedeutet in beiden Dimensionen, der absoluten und der relativen Liebe, fest verwurzelt zu sein. Es bedeutet, die Tatsache zu feiern, dass wir gleichzeitig verletzlich als auch unzerstörbar sind.

Liebevolle Beziehungen


Wie also können wir unsere menschlichen Beziehungen so erleben, dass sie andauern – über das erste Verliebtsein hinaus, über Konflikte und Differenzen hinaus? Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Beziehungen uns in Kontakt mit der absoluten Liebe bringen und uns öffnen. All unsere Blockaden, Wunden, all unsere Verzweiflung und unser Misstrauen kann sich dadurch offenbaren. Das fühlt sich erst mal sehr schmerzlich an. Es ist in Wahrheit die große Chance der menschlichen Beziehung, denn die Liebe kann nur frei fließen, wenn alle unsere Verletzungen an die Oberfläche gekommen sind. Die Liebe kann heilen, doch sie kann auch nur das heilen, was sich auch zur Heilung zeigt.

Wenn wir uns streiten oder am anderen etwas auszusetzen haben, sollten wir erkennen, dass unsere Unterschiedlichkeit wichtig ist und bewusst wahrgenommen werden kann, mit gegenseitiger Wertschätzung, Neugier und Freude. Oft verzweifeln wir an unseren Ansprüchen an den anderen und an uns selbst. „Ich liebe dich, aber gerade kann ich dich nicht ausstehen“ – das ist ok! Im Alltag schwanken wir ständig zwischen Öffnung und Verschließen, Anziehung und Ablehnung, Verständnis und Unverständnis, Begegnung und Rückzug. So ist das Leben selbst. Es ist ein ständiger Wandel, ein Pulsieren, so auch unsere Beziehungen. Wenn wir nicht gegen die Gezeiten der Liebe ankämpfen, sondern mit den Wellen gehen und auf ihnen reiten lernen, haben wir die Chance echte Nähe, echten Kontakt zu erleben. Wir heilen unsere Wunden und spüren die Kraft und Gelassenheit, die uns innewohnen.

Unsere Unvollkommenheit kann uns als Wegweiser dienen im Arbeitsprozess, der wir sind, anstatt als Hindernis für die Liebe oder das Glück gesehen zu werden. Unser Geist und unser Herz sind unendliche Räume, so wie der Himmel. Wolken sind für den Himmel nichts Bedrohliches – genauso sollten wir den Schwierigkeiten in unseren Beziehungen begegnen. Im Zweifelsfall ist es angesagt, zunächst in Kontakt mit sich selbst zu kommen, um Bewusstheit und Mitgefühl zu entwickeln, und sich erst dann dem Partner zuwenden. Zum Beispiel schafft eine bewusste Pause zwischen Arbeitsalltag und Zusammentreffen mit dem Partner schon viel mehr Ruhe, als wenn man non-stop von einem in den anderen Modus kommt.

Ein immer wieder zu sich kommen, während man in Kontakt mit dem Partner ist, kann Raum geben für Echtes, Ehrliches, Gemeinsames. So oft wissen wir gar nicht, was bei uns selbst gerade los ist, erwarten aber vom anderen, dass er uns versteht und perfekt auf uns eingeht. Unsere Enttäuschung von der Liebe lässt den Groll in uns oft unverhältnismäßig anwachsen. Lassen wir den Groll! Er führt uns vom Wege ab. Erkennen wir unsere Gefühle und wahren Bedürfnisse, können wir immer wieder zu Mitgefühl und inniger Anteilnahme finden – für uns selbst und den anderen – und zusammen an den Dingen arbeiten.

Wir sollten bei uns selbst die „Stimmung mangelnder Liebe“ untersuchen und klären, um eine zufriedene Beziehung leben zu können. Meistens wollen wir auf eine bestimmte Art geliebt werden, nämlich so, das unsere emotionalen Wunden aus der Vergangenheit geheilt werden. Man kann sich mal hinsetzen und der Frage nachspüren: Nach welcher Art von Liebe sehne ich mich am meisten? Und was genau würde mir das geben, wenn ich sie erlebte?

Manche stellen dann überrascht fest, dass sie einfach eine große Sehnsucht nach ihrem eigenen Herzen haben. Sie möchten Liebe und Glück, Zufriedenheit und Wärme in ihrem Herzen spüren. Wenn man einmal bewusst erlebt hat, wie einem das Herz aufgeht, wenn man nur an das denkt, was man sich wünscht und sich vorstellt es zu haben, versteht man auf eine tiefere Art und Weise, dass es dieses Gefühl ist, was man sich wünscht, und dass man es selbst in der Hand hat, dies zu spüren. Wenn das Herz offen ist, kann die Liebe frei durch einen durchfließen. Diese Erfahrung und dieses Wissen sind eine gute Basis für eine Beziehung. Diese Art Liebesbeziehung mit sich selbst bedeutet eine große innere Freiheit.


Literaturtipps zum Thema
John Welwood: Vollkommene Liebe

Sally Kempton: Meditation - Das Tor zum Herzen öffnen

Safi Nidiaye: Herz öffnen statt Kopf zerbrechen, Das Tao des Herzens

Für Eltern

Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit

Naomi Aldort: Von der Erziehung zur Einfühlung

Vimala McClure: The Tao of Motherhood 


14. November 2015

Drei magische Fragen

Die drei magischen Fragen der Achtsamkeit :
1. Was ist gerade?
2. Wie fühlt sich das an?
3. Kann ich dazu in Beziehung gehen?

9. November 2015

Die sein, die ich bin...

Wir haben den Hof aufgeräumt: Laub zusammengekehrt, den Schuppen entrümpelt und so. Wir sollten sowas öfter machen - bei uns selbst. Aufräumen, klar werden, Sachen ablegen, loslassen. Wir schaffen auf diese Weise Raum und bessere Sicht auf das, was ist, auf das, was wir sind und wer wir sind. 

Vielleicht geht es bei dieser Reise weniger darum,
dass aus dir jemand wird.   
Vielleicht ist es vielmehr ein Immer-wieder-loslassen all dessen,
was du nicht bist,
sodass du letztendlich der sein kannst,
der du von Anfang an warst.

  
Unter dem altem Laub entdecken wir dann vielleicht unsere Wurzeln und unsere wahre Beschaffenheit. Wir erkennen, was zu uns gehört und was eigentlich nicht, was wir bloß angenommen haben, weil es einmal notwendig, nützlich oder bequem war. Achtsames Gewahrsein im Alltag und regelmäßige formale Meditationsübungen können uns dabei helfen, zu uns zu finden. Im Kontakt mit uns selbst, in angenehmen und unangenehmen Momenten, wenn wir mutig hinschauen und erst mal freundlich annehmen, was sich da zeigt, erkennen wir unser Herz. Und mit unserem Herzen sehen wir unsere wahren Wünsche und Bedürfnisse, unsere tatsächliche Stärke und unsere Talente, unseren schon vorhandenen Gleichmut, unsere ungeheure Lebenskraft und unsere tiefe Liebesfähigkeit.
 

Mit diesem durch freundliche Zuwendung von innen heraus erfahrenen Wissen werden wir uns unserer selbst sicherer. Diese Sicherheit unterscheidet sich von der, welche z.B. durch Bestätigung von außen entsteht. Sie ist stabil und trägt uns durch alle Zeit. Und sie ermöglicht tiefe Zufriedenheit und große Freude. Ich wünsche jedem Menschen diese innere Sicherheit.



24. Oktober 2015

Hingabe und innere Freiheit


Hingabe & innere Freiheit

Wenn deine Gesamtsituation unbefriedigend oder unangenehm ist, dann nimm dir nur diesen Augenblick und gib dich dem hin, was ist. Das ist der Taschenlampenstrahl, der den Nebel durchdringt. In diesem Bewusstseinszustand lässt du dich nicht länger von äußeren Umständen beeinflussen. Frage dich: Kann ich irgendetwas tun, um diese Situation zu verändern, zu verbessern oder zu verlassen?

Falls ja, tue das Erforderliche. Höre auf dich mit tausenderlei Dingen zu beschäftigen, die du irgendwann in Zukunft machen möchtest oder zu tun hast. Konzentriere dich auf das Eine, was du in diesem Moment in Angriff nehmen kannst. Auch einen Plan erstellen kann das sein, was für den Moment erforderlich ist. Entscheidend ist nur, dass du nicht irgendwelche Gedankenfilme in deinem Kopf ablaufen lässt und du damit das Jetzt aus den Augen verlierst. Vielleicht hat nicht alles, was du tust, sofort seine unmittelbare Auswirkung und braucht Zeit um Früchte zu tragen. Bis dahin widersetze dich nicht dem, was ist.

Gelingt dir das nicht so gut, dann erkenne zunächst einmal an, dass der Widerstand da ist. Pass auf, wenn er wach wird und sich zeigt. Beobachte wie dein Denken ihn erzeugt. Fühle die Energie der Emotion. Indem du den Widerstand beobachtest, erkennst du, dass dieser keinen Zweck erfüllt.

Wenn du dich aus der Situation nicht befreien kannst, dann nutze sie, um dich noch intensiver in Hingabe zu üben. Indem wir immer wieder achtsam sind und uns der Gegenwart hingeben, ergeben sich oft erstaunliche Veränderungen, ohne dass man viel dazu tun muss. Das Leben gestaltet sich dann hilfreich und kooperativ.

Durch deine Hingabe an das, was ist, erkennst du, dass du immer die Wahl hast, wie du auf Situationen reagierst. Du bist frei.

nach Eckart Tolle

 

 


11. Januar 2015

Welt lass mich in Ruh?


Ich wurde unlängst von Julia Friedrichs für DIE ZEIT interviewt. Der Artikel ist in der Ausgabe vom 30.12. im ZEIT MAGAZIN, jetzt auch bei Zeit Online. Wer den Artikel als PDF haben möchte, kann sich bei mir melden.
Leider ein wenig erbaulicher Text, der vielleicht mehr über die Redaktion der ZEIT sagt als über das gesellschaftliche Phänomen, das er beschreiben soll. Hier wird das derzeitige Bedürfnis vieler nach Entschleunigung und die Lust auf Self-Made-Produkte als Desinteresse am weltlichen Geschehen interpretiert. Die ZEIT titelt mit "Welt lass mich in Ruh" und Frau Friedrichs spricht von den "Abgeschotteten", die nicht hinsehen wollen.
Ich war ziemlich erstaunt und hab mich auch kurz geärgert. Aber während ich in Gedanken meine Widerworte gegen diese seltsam arrogante und altbackene These formulierte, fand ich, dass ich eigentlich alles schon gesagt hatte - und es ja sogar gedruckt lesen konnte. Insofern alles gut.
Wer Zeit hat: Oft lustig und sehr treffend sind einige der vielen Leser-Reaktionen beim Online-Artikel.
 


 


10. Januar 2015

Selbstfindung

Alles materielle existiert in der Zeit. So auch unser Körper. Unser Selbst, unser Bewusstsein, unser Wesenskern sind zeitlos. Es ist seit unserer Entstehung dasselbe und bleibt es auch im hohen Alter.
Wenn wir nun zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl haben uns selbst besser kennen lernen zu wollen und uns auf die Suche nach uns selbst machen,  dann braucht es dazu nichts weiter als Gegenwärtigkeit. Es braucht keine Zeit, sondern nur unsere freundliche Aufmerksamkeit und das sanft nach innen gerichtete, bewusste Wahrnehmen dessen, was ist. Hier werden wir uns stets begegnen. Und von hier aus können wir uns Schritt für Schritt,  Moment für Moment selbst erkunden und kennen lernen.