10. September 2013

A Still Quiet Place


In unserem alltäglichen Leben befinden wir uns wechselnd in unterschiedlichen Rollen. Sie helfen uns die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Wenn offensichtlich Hausarbeit ansteht, meldet sich in uns vielleicht der Anteil, der es gern sauber hat und der den Überblick behält. Oder wenn Zeit zum Kuscheln mit dem Partner ist, schlüpfen wir vielleicht in die schmusige oder verführerische Rolle. Wenn wir auf der Arbeit sind, funktionieren wir als taffe, selbstbewusste und disziplinierte Menschen, aber in der Freizeit mit den Kindern können wir uns fühlen und rumtollen als wären wir wieder 10. Diese Anteile greifen ineinander, wechseln sich ab und machen ein Teil unserer Persönlichkeit aus. Und diese Anteile helfen uns, wie gesagt.

Doch was passiert, wenn wir eine Rolle annehmen, die gerade gar nicht gefragt ist? Wenn wir zu Hause ankommen und noch im Arbeitsmodus sind, das Kind aber Trost und liebevolle Zuwendung braucht? Oder wenn wir am Wochenende dringend ausruhen und entspannen müssen, um wieder Kraft zu tanken, doch unser ruheloser Antreiber und innerer Kritiker uns zu weiteren Aktivitäten treibt? Oder wenn wir uns gegen jemanden wehren müssen und uns jedes Mal wie ein Kleinkind fühlen, wenn wir eigentlich um unser Recht kämpfen wollen?
Dann hat ein Anteil zu viel Raum eingenommen und verdrängt die anderen, vielleicht hat er sogar die General-Kontrolle übernommen und ist fasst immer präsent oder er ploppt völlig unkontrolliert auf und macht dann scheinbar, was er will. Das kann auch ein grüblerischer oder trauriger Anteil sein, der viel zu viel von unserer Zeit in Anspruch nimmt oder der, der immer alle und jeden umsorgen und bekümmern möchte, wodurch wir selbst zu kurz kommen.

Wir sind wie ein Bus, in dem all die Rollen oder Anteile wie Wesenheiten versammelt sind. Und je nachdem, wer am Steuer sitzt, bestimmt, wohin die Reise geht.

Wie können wir es schaffen, zu bemerken, wenn der Fahrer ausgewechselt werden sollte und es dann auch bewerkstelligen? Wie können wir erkennen, warum der Fahrer gerade glaubt, dass nur er uns in dieser Situation die beste Hilfe ist und nicht merkt, dass vielleicht ein anderer das Steuer übernehmen könnte?

Es gibt einen Ort in uns, an dem wir ganz still und ausgeglichen sind, ganz liebevoll und freundlich, ganz zuversichtlich und klar. Von diesem Ort aus können wir beobachten, was gerade vor sich geht. Wir sehen, wohin der Bus fährt, wer am Steuer sitzt und wer vielleicht gerade um die Fahrerlaubnis kämpft. An diesem Ort sind wir leer, wir wollen nichts und wir sind vollkommen angstfrei und zufrieden. Er ist das Zentrum unseres Systems, unsere innere Mitte.

Von hier aus können wir unsere inneren Kämpfe wahrnehmen, unsere Emotionen und Gedanken, unsere inneren Zustände. Und wir sehen auch die Welt da draußen, die anderen Menschen und Lebewesen, sehen ihre Bedürnisse, Nöte, ihre Emotionen und Lebensweisen.
Fernab von diesem inneren und äußeren Treiben, gibt es also diesen Ort, an dem wir „zu Hause“ sind. Er ist sowas wie das Bewusstsein selbst, unser innerer Zeuge, unser Gewahrsein. Wir kultivieren seine Präsenz durch die Achtsamkeit.

Durch die Praxis der Achtsamkeit üben wir, regelmäßig an diesen Ort zu gehen, um tief durchzuatmen, zu entspannen und uns einen Überblick zu verschaffen. Hier kann uns nichts geschehen, hier sind wir vollkommen sicher, sind wir ganz und heil, uns mangelt es an nichts und wir müssen nichts tun um irgendetwas zu verändern. Hier sind wir freundlich mit uns selbst und beurteilen und kritisieren uns nicht. Hier dürfen wir ehrlich mit uns selbst sein und alle Merkwürdigkeiten zulassen. All die Rollen anschauen und ihr Treiben liebevoll beobachten.  

Wenn wir es üben, diesen freundlichen, inneren Raum als einen Teil von uns zu sehen, bei dem wir Zuflucht nehmen können, sind wir immer und überall sicher.
 
Wir lernen, liebevoller mit uns selbst und den anderen umzugehen, auch wenn es uns gerade schwer fällt. Und wir lernen, von ungesunden Mustern und gewohnten Strukturen Abstand zu nehmen und sie irgendwann sein zu lassen.

Wir erkennen dann vielleicht mit einem Lächeln, dass wir Wochenende haben und uns jetzt dem Nichts-Tun hingeben können und wir das mehr genießen werden als fünf Verabredungen, Shopping und TV. Oder wir erkennen, dass es uns selbst gut tut, zu Hause angekommen die Arbeitswelt hinter uns zu lassen und Kraft und Liebe zu tanken bei unserer Familie, indem wir ihnen und uns selbst Nähe und Aufmerksamkeit schenken. Wir erkennen unsere wahren Bedürfnisse und können Wege und Freiräume schaffen, um sie zu erfüllen. 

Im nächsten Schritt, wenn wir dieses achtsame Schauen von unserem inneren, stillen Ort aus mehr und mehr kultiviert haben, können wir uns später den dominanten Rollen in unserem Leben zuwenden und schauen, warum sie eigentlich da sind. Sie sind keine Anteile, die wir bekämpfen oder auslöschen müssen. Sie sind da, weil wir selbst aus irgendwelchen Erfahrungen gelernt haben, dass wir mit ihrer Hilfe die Welt besser ertragen oder verstehen können, dass wir das Leben besser bewältigen und kontrollieren können, dass wir selbst ein besseres Bild abgeben vor den anderen oder uns selbst.

Es kann aber eben auch sein, dass diese Erfahrungen längst überholt sind und wir in einem Muster gefangen sind. Das kann manchmal ungesund sein. Denn wenn eine Rolle so dominant wird, kann ein anderer Anteil in uns sich nicht verwirklichen. Daher ist es gut, für Ausgleich zu sorgen. Eine Möglichkeit ist, wir fragen diesen Anteil, wieder und wieder: Warum bist du so präsent? Wie versuchst du mir zu helfen? Was kann ich tun, damit du dich nicht so wichtig fühlen musst? - Bis wir zu Einsicht und Verständnis finden.

Für manchen ist dieser stille Ort durch einen Atemzug erreichbar. Als läge er in dem Atem selbst. Die Konzentration auf den Atem lässt uns ruhiger werden. Das System beruhigt sich, Herz, Kreislauf und der Geist schalten einen Gang runter, wenn wir ein paar tiefe, achtsame Atmezüge tun. Wir können es auch mit einem Lächeln versuchen. Manchmal ist man so verbissen oder ernst, da kann sich alle Strenge durch ein Lächeln auflösen und uns an diesen stillen Ort bringen, an dem alles zwar immernoch da ist, wir aber eine entspanntere Haltung dazu haben. -

Und jetzt: atmen, lächeln und einfach das Dasein genießen. Denn du bist perfekt, so wie du bist. An diesem Ort, der in uns allen ist und der uns alle miteinander verbindet, bist du perfekt. Mach ihn zu deinem Zuhause und lebe aus ihm heraus. 

Peace, Love & Namaste
Sarina
  

Mehr zum Thema achtsamkeitsbasierte systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen findet ihr in dem wertvollen und nett illustrierten Buch von Tom Holmes: Reise in die Innenwelten.
  

2. September 2013

Die Freude des Kriegers (2)





„The only reason we don't open our hearts and minds to other people is that they trigger confusion in us that we don't feel brave enough or sane enough to deal with. To the degree that we look clearly and compassionately at ourselves, we feel confident and fearless about looking into someone else's eyes.“


Wenn dich einer anschreit, ist dein erster Impuls vielleicht, ihn zu beschuldigen. Oder den Raum zu verlassen. Oder deine eigene Wut auszuagieren. Wenn du den anderen beschuldigst, würde dir vielleicht jeder andere beipflichten, dass das, was der andere getan hat, nicht korrekt war und verletzt hat. Doch das ist nicht das Entscheidende. Der Punkt ist, dass du in diesem Moment in ein Muster eintritts, von richtig und falsch, von Opfer und Täter ... Und du schließt dich selbst in diesem Muster ein. Du schließt dich in einem Raum der vermeitlichen Sicherheit ein, du bewaffnest dein Herz – und beginnst deinen Anteil von dem Spiel zu übernehmen. Du bildest weiter dein Ego, deine Geschichte.

Hier an diesem Punkt offen zu bleiben und das Herz weiter werden zu lassen, einen großen, achtsamen Raum zu kreieren, ist so ähnlich wie das Ganze als ein Wunder zu betrachten und einfach neugierig zu sein. 

Wir nehmen uns selbst oft so furchtbar erst. Und auch diese Krieger-Praxis wirkt manchmal sehr ernsthaft. Am Ende hat es aber sehr viel mit Freude zu tun. Das bedeutet es, ein Krieger zu sein:

Den Mut und die Freundlichkeit deines Wesens feiern,
die in diesem Moment in dir sichtbar werden,
wenn du dich öffnest anstatt dich zu bewaffnen.

Jedem dankbar sein
Wir können diesen Menschen, die unsere Knöpfe drücken, dankbar sein. Sie zeigen uns, wo wir feststecken. Wir wissen manchmal schon richtig viel über uns und erkennen doch nicht ganz, wo wir genau feststecken und ungesunde Muster weiterführen. Jeder hat diese blinden Flecken. Denn wir sind so sehr daran gewöhnt, dass dies oder jenes ein Teil von uns ist, dass wir nicht erkennen können, was es eigentlich ist. Wir stecken fest. Und wir brauchen diese Menschen, die uns dann an dieser Stelle aufrütteln. Deshalb ist der Krieger dankbar für jeden, dem er begegnet. Bei jeder Begegnung hat er die Möglichkeit zu praktizieren.

Vielleicht bist du in totalem Frieden mit dir selbst und bist froh und glücklich und stolz darüber, was für ein super Krieger du schon bist. Und dann kommt diese eine Person herein und drückt deine Knöpfe – verlierst du die Kontrolle oder praktizierst du? Hier an diesem Punkt, beginnt deine Praxis. Und egal wie verletztend oder missbrauchend diese eine Person dir gegenüber ist, es ist immer noch dieselbe Praxis:

Wenn du dich verlierst, wird deine Sicht unklar, vernebelt, du wirst ignorant. Und irgendwas macht dicht, das Herz macht definitiv dicht.

Bleib offen. Schaffe Raum und lass frische Luft rein.
Tritt einen Schritt zurück und sieh, was dort passiert, was in dir passiert.
Bleib freundlich, offen und klar.


Nach Pema Chödron: Geh an die Orte, die du fürchtest