18. September 2014

Lücken zulassen



"Ich betrachtete wieder die leere Stelle an meinem Finger, wo der Ring gesessen hatte. Diesmal sah ich wirklich eine leere Stelle. Zum ersten Mal in meinem Leben erfüllte mich ein Verlust mit Neugier.
Was würde kommen, um diese leere Stelle zu füllen? Würde ich einen anderen Ring anfertigen? Oder würde ich in einem Laden oder auf einer Reise einen anderen Ring finden? Vielleicht würde mir irgendwann einmal jemand, den ich noch nicht kannte, einen Ring schenken, weil er mich liebte.
Ich war fünfundreißig Jahre alt und hatte noch immer nicht gelernt, dem Leben zu vertrauen. Ich hatte niemals irgendwelche leeren Stellen zugelassen. Wie meine Familie hatte ich geglaubt, dass leere Stellen auch leer blieben. Zu leben hatte bedeutet, sich an das zu klammern, was man hatte. Meine medizinische Ausbildung hatte mich in meiner Haltung, Verluste um jeden Preis zu vermeiden, noch bestärkt. Alles, was ich jemals losgelassen hatte, zeigte bleibende Spuren meiner Umklammerung. Doch mit dieser leeren Stelle an meinem Finger verhielt es sich anders. Sie erfüllte mich mit einer ähnlichen Spannung und Vorfreude wie eine eingepacktes Weihnachtsgeschenk."

Rachel Naomi Remen (aus: Endanfänge)

Text gefunden im "Mit Kindern wachsen" Helft Juli 2014
 



15. September 2014

Atem Pause

Ich wurde gefragt, was im Kern die Achtsamkeitspraxis im Alltag beeinhaltet und was sie dabei so wertvoll macht? Was lässt die Kranken gesunden, die Gestressten sich entspannen, die Verwirrten Klarheit finden, die Deprimierten aus dem negativen Gedankenkarussel aussteigen?
Natürlich fallen mir dazu all die heilsamen Aspekte ein, die eine Achtsamkeitspraxis mit sich bringt. Doch wenn ich genauer hinschaue, hat es sehr viel mit dem Atmen zu tun.

Ich erinnere mich selbst an meine Anfänge mit der Praxis und wie ich anfing, über den Tag verteilt immer wieder bewusst meine Atmung zu registrieren, öfter auch mal tief und dankbar durchgeatmet habe. Es war anfangs wirklich jedesmal wie eine kleine Erleuchtung. Daneben habe ich Yoga praktiziert, das starken Fokus auf die Atmung legt (Vinyasa) - für eine Stunde am Tag praktizierte ich also bewusstes Atmen, Ujjayi Pranayama. Seither ist der Atem mein Begleiter, mein Freund, mein Heiler, mein Kraftspender, den ich pflege, kultiviere, nutze. 


ATMEN. Das Wertvolle daran ist, glaube ich: Über den Atem als Anker im Alltag finden wir in eine Präsenz in der augenblicklichen Situation - sei sie eine stressvolle, schmerzhafte, grüblerische, chaotische - und wir steigen aus, atmen, entspannen, sind bei uns. Der Körper entspannt sich, das ist heilsam. Wir finden über den Atem zu einem stillen, entspannten, klaren Raum in uns, der immer da ist, immer verfügbar. Der uns einen Augenblick zuvor nicht bewusst war, nicht verfügbar erschien und sich durch das bewusste Atmen zeigt. Das ist kraftvoll, spendet Sicherheit, lässt Vertrauen wachsen.

Also, wenn du auch nicht meditierst oder Yoga machst oder sonst einer formalen Praxis in der Richtung nachgehst - bewusst atmen kannst du jederzeit und du kannst sofort damit beginnen und selber schauen, ob es auch für dich wertvoll und heilsam ist.