9. Februar 2017

Selbstmitgefühl im Alltag

Drei kleine Tipps wie wir es schaffen, im Alltag freundlicher zu uns selbst zu sein:
 
1. Gibt dir selbst erstmal die Erlaubnis, freundlich zu dir selbst zu sein. Das ist nicht selbstverständlich, denn viele Menschen denken, das ist egoistisch oder sie fühlen sich dabei unwohl. Jedes Wesen möchte glücklich sein und gut leben, da ist es ganz natürlich, dass man freundlich und mitfühlend mit sich selbst umgeht, anstatt sich ständig die Hölle heiß zu machen und mit negativen Gedanken alles noch stressiger zu machen.
 
2. Bemerke achtsam, wie du mit dir selbst sprichst, nimm deine innere Stimme wahr. "Würde ich das zu einer lieben Freundin auch so sagen? ... Was würde ich stattdessen zu ihr sagen? Kann ich versuchen, mich selbst auch so freundlich zu behandeln?"
 
3. Körperliche Berührungen beruhigen uns, das ist biologisch-evolutionär zu begründen. Ein Kind beruhigt sich, wenn du es wiegst oder umarmst? Genauso geht es dir auch. Nun kannst du probieren, öfter am Tag oder in besonders stressigen Situationen deine Hände auf den Brustkorb zu legen, dabei ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen und die Wärme zu spüren, oder auf den Bauch, die Wangen, oder die Hände ineinander zu legen. Wenn dein Körper sich dadurch ein wenig beruhigt und entspannt, werden dein Geist und dein Herz folgen.



15. Juli 2016

Warum Achtsamkeit dir hilft, du selbst zu sein

Was will der Mensch, was braucht er und was wünscht er sich am sehnlichsten?

Geliebt zu werden, so wie er wirklich ist. Angenommen zu sein, Wertschätzung und Respekt zu erfahren. Sein Potential zu erkennen und zu leben, seine Talente in der Welt einzusetzen und sich und andere damit zu erfreuen. Unterstützung und Hilfe dabei zu erfahren, sein Potential zu entfalten. Sich verbunden fühlen, in Gemeinschaft, in Begleitung, eins zu sein mit der Natur, der Schöpfung, mit allen Wesen. Glücklich, zufrieden und in Frieden zu sein, gesund und voller Kraft und Lebensenergie.

Wenn wir auf die Welt kommen, gehen wir davon aus, dass das alles so ist. Wir entdecken uns selbst und die Welt und gehen davon aus, dass das Leben auf unserer Seite ist und alle anderen auch. Wir nehmen uns selbst zu 100% so an wie wir sind und lieben uns selbst und alle anderen.

Achtsamkeitspraxis ist ein Werkzeug, um wieder näher an diesen Ursprungszustand zu kommen, um immer häufiger in Einklang mit uns selbst und in Frieden mit der Welt zu kommen. Dies ist unser natürlichster Zustand, eigentlich. Mit der Zeit kann uns das gelingen, es ist ein Prozess - und es ist ein wunderbarer Moment, wenn wir merken, dass es "funktioniert" - das ist innerer Frieden.

Wieso klappt das nicht automatisch?

Unser Herz, dieses liebe, zarte Herz, es würde sofort mitmachen. Ja, endlich alles fühlen, endlich offen und frei sein, mich selbst und andere bedingungslos lieben.
Und unser Körper? Der wäre auch sofort dabei. 100%ige Annahme. Wie würden wir uns kümmern um ihn, ihn umsorgen, ihn gesund ernähren, Sport treiben! Würden wir ihn wirklich total lieben.

Wer also macht uns eigentlich diesen Strich durch die Rechnung? Es ist wohl unser Verstand. Dieses wunderbare Werkzeug, das vor allem wir Deutschen so wahnsinnig hoch schätzen. Erfindungen in Technologien, toll, Dichtung, Management, wirtschaftliches Denken, genial, was der alles kann! Er steht bei uns ganz oben auf einem Sockel. Meinungen produzieren, Nachdenken, Problemelösen ... Ja das kann der - aber eben auch nicht alles immer so optimal wie wir glauben. Denn das Herz und der Körper können das auch, doch denen vertrauen wir oft nicht genug, und deshalb nehmen sie oft Schaden.

Achtsamkeit auf unsere Gedanken und die unablässige Aktivität unseres Geistes holt den Verstand ganz schnell runter von seinem Sockel. Viele Gedanken wiederholen sich, sind gar nicht so kreativ und positiv und oft eher selbstzerstörerisch und destruktiv im Umgang mit anderen. All das, was wir gelernt haben, im Umgang mit der Welt, Eltern, Lehrern, anderen Menschen hat oft eine so große Bedeutung und wir glauben all das, nehmen es für bare Münze. Der Verstand will uns ständig optimieren, anpassen, aus Selbstschutz. Doch dabei verlieren wir oft den Kontakt zu uns selbst.

Wir sind auf der Welt, um die Welt zu lieben, sie in gesunden Einklang zu bringen, zu schützen und zu erhalten, das Miteinander zu optimieren, das Leben sich entfalten zu lassen und es zu genießen. Das können wir, indem wir uns unserer Potentiale bewusst werden. Jeder ist gut in irgendwas. Mancher hat sogar ganz außergewöhnliche Talente. Aber jeder hat etwas Gutes in sich, das er in der Welt zur Entfaltung bringen kann und soll.

Und um herauszufinden, was das ist, muss ich präsent sein, muss ich bei mir sein und meine Erfahrungen voll erleben, reflektieren und verinnerlichen, um zu verstehen und zu erkennen. Wenn ich merke, dass ich im Flow bin, wenn mir etwas Freude macht oder mir einfach leicht fällt, dann liegt dort eins meiner Potentiale. Diese Erkenntnis ist sehr wertvoll.
Doch zu oft sind wir abgelenkt oder schätzen nicht, was wir erleben. Manche Erfahrungen sind unangenehm, da lenken wir uns besonders gerne ab - doch auch diese sind wertvoll. Andere Erfahrungen sind toll, aber auch hier fliehen wir oft aus innerer Unruhe und Getriebensein. Wir stempeln das Gute als selbstverständlich ab und suchen gedanklich schon nach dem nächsten Kick.

Wer mit der Achtsamkeitpraxis beginnt, z.B. in einem Kurs oder angeleitet durch Lehrer oder ein Buch, der beginnt damit, die Erfahrungen erstmal als Erfahrung wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Das kommt manchmal etwas banal daher. Spüren, was der Körper uns sagt. Emotionen durch uns hindurchfließen lassen. Innehalten und erstmal einfach nur atmen bevor man automatisch reagiert ... usw. Doch diese Praxis hat es in sich, das weiß jeder, der es wirklich mal längerfristig macht.

Mit der Zeit wächst das Vertraunen in einen selbst, in die eigene Erfahrung, das Bauchgefühl, die Intuition, das Herz und den Körper. Gedanken werden öfter mal humorvoll betrachtet und belächelt. Das Herz erwacht und darf fühlen und "mitreden". Die Intelligenz des Körpers entfaltet sich.

Ich praktiziere das nun schon seit einigen Jahren und begleite Menschen, die das auch tun. Freunde und Kollegen begleiten mich und etwas in mir konnte so stark werden und wachsen, dass ich heute das Leben noch mehr schätze, mich selbst nicht mehr so viel kritisiere und auch in einem spirituellen Sinn gewachsen und gefestigt bin. Zuletzt hatte ich wieder einmal größere Herausforderungen zu meistern und ich staune, wie gut es mir gelingt. Ich kann zufrieden mit mir sein, denn ich vergrößere nicht meinen realen Schmerz durch das übliche Denken und Dramatisieren, sondern ich verarbeite ihn und wachse über ihn hinaus. Das hat mich inspiriert, diese Zeilen für euch zu schreiben. Und mal wieder eine kleines Plädoyer für die Achtsamkeit zu halten.
Macht, damit, was ihr mögt. Und wenn ihr Lust bekommen habt, dann fangt einfach an. Es lohnt sich! Und es ist nicht so schwer wie man denkt... im Gegenteil, mit der Zeit wird alles leichter.

Mögen alle Wesen in Frieden sein.

Love, Peace & Rock´n Roll
Sarina









12. Juli 2016

EINFACH SITZEN - Buchtipp

Eine kleine, feine Buch-Reihe:

Einfach Sitzen / Einfach Lieben / Einfach Essen

Das handliche, schmale Büchlein habe ich eine zeitlang immerzu mit mir herum getragen. Denn die sehr kurzen, doch tiefsinnigen Texte laden ein, dass ich sie zwischendurch in ruhigen Momenten lesen kann und danach einfach ein bisschen drüber nachdenken und sie nachwirken lassen kann. Es ist eine Mischung aus kleinen Übungen und teilweise genauen Anleitungen zum Meditieren und Inspirationen rund um das Thema meditatives Sitzen (Freude empfinden, Atem, Tiefes Schauen), z.B.

"Die Sitzmeditation hat zwei Aspekte. Der erste ist das Innehalten und die Beruhigung des Körpers. Schon das kann eine Quelle des Glücks sein. Der zweite Aspekt ist die eingehende und tiefe Betrachtung der Dinge - tiefes Schauen. In der stillen Meditation lassen Sie Körper und Geist zur Ruhe kommen."  


14. April 2016

Intelligenz des Körpers - sich des Körper als tatsächliche Realität im Leben gewahr sein

"Diejenigen von uns, die in der modernen Welt leben, existieren also in einem Zustand extremer Körperfremdheit. Die meisten von uns sind sich ihr Leben lang kaum ihres Körpers bewusst. Manchmal scheinen wir gar zu fühlen und zu handeln, als wären wir unseres Körpers ganz und gar verlustig gegangen. Es ist nicht so, dass wir nicht "denken", einen Körper zu haben. Tatsächlich verbringen viele Menschen einen großen Teil ihrer Zeit damit, über ihren Körper "nachzudenken" - wobei sie sich selbst Komplimente machen, sich um ihren Körper Sorgen machen, ihn schlecht machen oder gar auf selbstzerstörerische Weise damit umgehen. Doch selbst dann, wenn wir uns vermeintlich um unseren Körper kümmern, sind wir doch gewöhnlich nur in unserem Kopf. Wir sind nicht mit unserem wirklichen Körper in Kontakt. Wir haben Gedanken über unseren Körper, aber sehr wenig Erfahrung von unserem Körper selbst. .. Wir haben wenig direktes Gewahrsein des Körpers und wenig Beziehung zu ihm als einer tatsächlichen Realität in unserem Leben."

Diäten, Süchte, Sport, Sex, Psychopharmaka, Schminke, Mode .. mit diesen alltäglichen Dingen versuchen wir körperlich attraktiv zu sein, uns mit anderen zu verbinden oder die Schmerzen des Körpers zu betäuben. Da wir uns dabei oft überfordern, selbst verletzen und vergiften, ist es nicht selten die Folge, dass der Körper nicht mehr richtig funktioniert, wir uns unwohl fühlen, krank werden, emotionales Leiden nicht mehr auflösen können, Schmerzen, Angst und Verwirrung erleben.

"In all diesen Fällen greifen wir auf agressive Weise in die Körperprozesse ein und wirken seinen Versuchen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen und sich selbst zu heilen, entgegen. Und in all diesen Fällen ist der Körper zu einem Objekt geworden, zu einem Sklaven unserer Wünsche....
Unsere heutige Körperfremdheit ist so tief, dass viele von uns nicht mehr das geringste Zutrauen zum Körper besitzen und sich damit begnügen, ihn so weitgehend wie möglich zu ignorieren. Und natürlich überrascht es nicht, dass wir bei all dem nur selten ein Gefühl dafür haben, dass unser Körper ns an sich und aus sich heraus etwas zu bieten hat, ja dass der Körper in gewisser Hinsicht vielleicht intelligenter ist als unser bewusstes Ich und seine eigenen Intentionen besitzt, die uns - würden wir sie nur verstehen - überaus nützlich sein könnten.

Reginald A. Ray, Die Intelligenz des Körpers




22. März 2016

Newsletter mindfulnessberlin // März 2016

Hallo Ihr Lieben,
ein paar News von mir ...
  • FILM :::::: Kurzfilm-Projekt über Achtsamkeit mit einem Interview mit mir. Ihr könnt ja mal reinschauen.
  • KURS ::::: Am 11. April startet ein neuer 8-Wochenkurs Achtsamkeit bei mir. Es gibt noch freie Plätze!
  • GRUPPE :::: Ich möchte von April bis Juli wieder eine regelmäßige Meditationsgruppe anbieten: Jeden zweiten Sonntag, 17-18 Uhr in meinen Räumen in der Eldenaer Straße 44. Termine sind im April 10./ 24. und Mai: 8./ 22. Jeder Termin kostet 8 - 12€ (je nach Teilnehmerzahl, je mehr kommen, desto günstiger ist es). Bitte meldet euch 1 Woche vorher an und gebt mir gern vorher Feedback, ob euch das Angebot interessiert.
 

19. Februar 2016

Achtsamkeitstraining & die Selbstoptimierungsfalle

In dem ganzen Hype um das Thema Achtsamkeit und Selbstmitgefühl, bei dem alle möglichen Leute Texte schreiben, Videos drehen oder Seminare anbieten, möchte ich nochmal daran erinnern, dass es bei dem Thema nicht um Selbstoptimierung geht! Wir müssen darauf achten, dass sich die Katze nicht in den Schwanz beißt und wir das "neue Training" nicht dafür nutzen schnellstmöglich all unsere Macken loszuwerden, noch effektiver zu arbeiten oder nun endlich eben "achtsam" unsere Kilos zu verlieren. 

Es geht um Akzeptanz und um Liebe!
 
Jeder kennt ihn, den inneren Kritiker, der schlimmste von allen Kritikern. Den wollen wir besänftigen. Und das geht nicht, indem wir ihn auf Deubel komm raus zum schweigen bringen, sondern nur, indem wir uns mit ihm anfreunden.
Wer die Achtsamkeit nutzt, um endlich der zu werden, der er immer sein wollte, ist ein bisschen auf dem Holzweg. Achtsamkeit ermöglicht uns Dinge zu sehen, zu fühlen, zu erleben und zu verinnerlichen, von denen wir vielleicht noch gar keine Vorstellung haben! Wenn wir vorher selektieren, was wir wollen, lehnen wir automatisch vermeintlich Falsches ab. Und damit werfen wir vielleicht wertvolles Potential zum Lernen und Wachsen mit weg. In einem Gedicht, dass mein Lehrer Bob Stahl einmal vorlas, kommt das gut heraus:

Das ganze Aufgebot 
In diesem Leben geht es nicht darum, die Teile wegzuschneiden, die ich
nicht mag, damit jene, die ich mag, übrig bleiben. Ich wähle das ganze
Aufgebot - Tag und Nacht, Angenehmes und das Gegenteil davon, wenn
es schleppend geht und wenn es läuft wie geschmiert.
Lehnst du auch nur irgendein Stückchen des Lebens in Dir ab, so ist ein
Schlüssel, der eine Tür hätte öffnen können, verloren, rausgeschmissen
mit dem Müll. Ich bete für den Mut, die ganze Katastrophe annehmen zu
können, wie auch immer sie mir erscheint, ohne zurückzuschrecken. 

Dana Faulds

Nun denn, ich wünsche uns allen diesen Mut, immer wieder, in jeder Lebensphase, in jedem neuen Moment!



 

26. Januar 2016

Meditation mit Nebenwirkungen - Kann Achtsamkeit krank machen?


 Is mindfulness making us ill?

Ein Artikel über die möglichen Gefahren von Meditation hat mich und zwei Kollegen in den Austausch gebracht. Lest gern selbst den Artikel und unsere Gedanken dazu unten. Was meint ihr? 




"Then comes the meditation. We’re told to close our eyes and think about our bodies in relation to the chair, the floor, the room: how each limb touches the arms, the back, the legs of the seat, while breathing slowly. But there’s one small catch: I can’t breathe. No matter how fast, slow, deep or shallow my breaths are, it feels as though my lungs are sealed. My instincts tell me to run, but I can’t move my arms or legs. I feel a rising panic and worry that I might pass out, my mind racing. Then we’re told to open our eyes and the feeling dissipates. I look around. No one else appears to have felt they were facing imminent death. What just happened?"

Lest den ganzen Artikel hier in the guardian 


A schrieb dazu:

... so was liest man ja immer mal wieder... und ich finde das ist absolut ein Thema! Ich hab auch eine Bekannte, die in Indien spontan ein Vipassana Retreat gemacht hat und so verrückt geworden ist, dass sie kaum allein nach Deutschland zurück gefunden hätte. Bis heute hat sie Flashbacks und psychotische Zeiten. Klar ist, das die Meditation nur was hervorgebracht hat, was sowieso da war und dies nicht produziert hat. Meditation setzt Prozesse in Gang und manchmal kann der Deckel vom Topf hochfliegen, wenn das Wasser schon lange kocht...
Ich sehe auch die Gefahr, dass jedermann nun mit Achtsamkeit und Meditation rummacht und damit nicht immer Gutes tut. Da ist viel Verantwortungsbewusstsein bei den Lehrern gefragt, auch Mut, Klienten abzulehnen und einiges an psychologischem Wissen... Sollte man sich anlesen oder den kleinen Heilpraktiker machen, denke ich.
Das Thema ist auch für den Umgang mit Kindern wichtig. Ich sehe das ja auch deshalb so kritisch und bin sehr vorsichtig geworden, was das unterrichten von Kindern angeht.

Aber das Beispiel mit dem Fitnessstudio ist gut. Letztlich entscheidet jeder für sich und muss schauen, wie weit er geht und was er bei wem lernt...
Deswegen rate ich aber auch immer von Meditationlernen im Alleingang ab. Man kann experimentieren, aber sollte einen Lehrer kennen und anrufen können...

B schrieb dazu:
Ja, ein interessantes und wichtiges Thema. Ein Freund von mir hat vor vielen Jahren mal erlebt, wie auf einem Meditationsretreat ein psychisch labiler Teilnehmer weggerannt ist und sich schließlich vor einen Zug geworfen hat. 
Auf den Artikel bin ich durch einen Facebook Post vom Niroga-Institut aufmerksam geworden, bei dem ich im Herbst einen Online-Kurs zu Achtsamkeit in der Bildung gemacht habe. Sie setzen auf ein Hintergrundwissen in Traumapsychologie und größtenteils dynamische Achtsamkeitsübungen und meinen, dass durch Bewegung solchen Angsterfahrungen vorgebeugt werden kann. 

C schrieb dazu:
Ich denke, alles was schon da war, wird mit dem Licht der Achtsamkeit offensichtlich. Das schockiert natürlich. Sicher ist es wichtig dann die richtige Dosis für Meditation zu finden. Wenn man merkt es kommt zu viel hoch, dann lieber ein wenig moderater bis gar nicht meditieren bzw. ein Retreat abbrechen. Wenn der Geist ruhiger ist, kann man sicher mehr meditieren.
Sicher sollte man auch herausfinden was einem gut tut. Ich war mal auf einem Retreat, wo ich auch an den Rand des Wahnsinns gekommen bin. Das hatte aber vor allem mit dem Strenge in der Tradition wo ich dort war zu tun. Da kam in mir ne Menge Widerwille hoch und ein innerer Kampf ist entfacht, der nicht ohne war. Heute würde ich da nicht mehr hingehen, sondern besuche eher Retreats mit weniger Strenge. Hängt aber vom Menschentyp ab. Ich bin grundsätzlich schon so eingestellt, dass ich mir eher Druck mache, da ist mehr Druck von außen absolut kontraproduktiv. Andere, eher trägere Charaktere sind in einer strengen Umgebung sicher gut aufgehoben. 
Ich empfinde es so, dass der Prozess der Ich-Auflösung das Ego in ständige Angst, Zweifel etc. versetzt. Dem Ego geht es an den Kragen, das ist ja auch das Ziel der Sache. Logisch ist es dann auch, dass das Ego mit allen Mitteln ums überleben kämpft.
Problem ist bestimmt auch, dass die Kraft von Achtsamkeit unterschätzt wird. Es ist eben kein reines Wellness oder Entspannungs Programm, sondern ein starkes Werkzeug zur Auflösung der Ich-Illusion. Menschen, die auf Achtsamkeit so stark anspringen, sind unter einem anderen Aspekt gesehen gesegnet, denn da kommt was in Gang. Schwierig natürlich nur, wenn man noch nicht stabil genug ist und dann unter dem was da hoch kommt erstmal begraben wird. Andererseits ist Leiden für mich zumindest der Motor bzw. das Öl im Motor. Ohne Leiderfahrungen wäre ich sicher nicht so permanent am Praktizieren und auf dem Suchen nach der Auflösung. 







12. Dezember 2015

Über die Liebe


Die Liebe! Die Liebe... Die Liebe??


Liebe ist wohl die größte Kraft. Sie trägt das Leben, ohne sie wäre es nicht möglich. Sie ist der Stoff, aus dem wir bestehen, eine kraftvolle Mischung aus Offenheit und Wärme. Wir brauchen sie, um echten Kontakt herzustellen und Verbundenheit zu empfinden, um Freude und Wertschätzung zu empfinden, um in Harmonie zu sein. Aber wenn doch die „Macht der Liebe“ so stark ist, warum gibt es dann so viel Kampf und Konflikt, so viel Angst und Verwirrung unter den Menschen? Warum ist es so schwer sich der Liebe ganz zu öffnen?

Im Grunde unseres Herzens sehnen wir uns alle danach anerkannt, gewertschätzt und akzeptiert zu werden, so wie wir nun einmal sind – mit unseren Stärken und Schwächen. Wir haben jeder Erfahrungen gemacht, für andere nicht gut genug zu sein – im Job, in Partnerschaften, in Beziehung zu unseren Eltern. Dadurch wurde unser Vertrauen in die Liebe erschüttert. Wir haben gelernt, dass sie „bedingt“ und „abhängig von“ ist, von Leistung, Aussehen, Erwartungserfüllung usw. Dadurch entsteht dann der tief sitzende Verdacht in uns, dass wir nicht einfach für den, der wir sind, geliebt werden. Dieser Zweifel an der Liebe, diese Unsicherheit und Angst untergräbt unsere natürliche Fähigkeit unsere Liebe frei zu geben und sie zu empfangen. Wir kämpfen mit Furcht vor Missbrauch und Ablehnung, mit Eifersucht und Rachsucht, wir bauen Mauern oder sind streitlustig, um zu ständig zu beweisen, dass wir im Recht sind usw. Eine „Stimmung mangelnder Liebe“, nennt John Welwood diesen Zustand in unserer menschlichen Welt. 


Absolute Liebe – relative Liebe


Dabei sind wir von Natur aus voller Liebe, jeder und jedes Wesen. Die absolute Liebe fließt durch uns hindurch und ist immer verfügbar. Wir können sie in jedem Moment spüren, wenn wir uns nur dafür öffnen würden; wenn wir Zweifel, Ängste und Kontrollmuster loslassen könnten und uns der grundlegenden Liebe allen Lebens hingeben würden. Denn absolute Liebe ist die Liebe des Seins selbst und sie ist vollkommen unabhängig von unserer Umgebung. Mit dem Sein selbst in Kontakt zu sein, wärmt und nährt uns von innen, schenkt uns Kraft, Zuversicht und Selbstvertrauen. Wenn wir uns entspannen und in uns ruhen, können wir diese Kraft, diesen Lebensstrom der Liebe spüren.

In Beziehungen können wir diese absolute Liebe weder erzeugen noch dürfen wir sie vom anderen erwarten. Doch Beziehungen dienen als Spiegel, in dem wir diese absolute Liebe in uns selbst erkennen können. Werden wir geliebt, gehalten, anerkannt, gewertschätzt und akzeptiert wie wir sind, spüren wir die Wärme und Offenheit des anderen, die uns gut tut, weil sie in unserem Herz die absolute Liebe erfahrbar macht. Werden wir geliebt und können die Liebe auch annehmen, spüren wir wie diese absolute Liebe frei durch uns hindurch fließt. Oft glauben wir dann, dass es uns so gut geht, weil der andere uns diese Liebe gibt - das macht uns abhängig. Tatsächlich lässt uns der andere bloß die Fülle der Liebe in uns selbst erfahren, wir sind so glücklich, weil wir uns endlich spüren, endlich Ja zu uns selbst sagen können.

Oft erwarten wir auch, dass wir bedingungslos geliebt werden, dass der andere die „Hauptquelle“ der Liebe sein sollte. Das führt zu Leid und Frustrationen. Denn das, was wir als zwischenmenschliche Liebe kennen, ist „im Gegensatz“ zur absoluten Liebe eine relative Liebe – relativ, weil abhängig von Zeit, Umgebung, Stimmung, Konditionierungen und Verhaltensmustern aller Beteiligten. Die Konzentration auf den Versuch, etwas vom anderen zu bekommen, hindert uns daran, in unserem eigenen Urgrund zu ruhen und zu verweilen, es macht uns äußerlich abhängig und innerlich abgeschnitten.

Als irdische Geschöpfe sind wir ständig relativen Enttäuschungen, Schmerz und Verlust ausgesetzt sind, deswegen können wir uns nicht anders fühlen als verletzlich. Doch „in der tiefen Wahrnehmung der Einheit mit dem Leben erkennt man, dass man nicht verwundet ist, nie verwundet gewesen ist und nicht verwundet werden kann.“, schreibt John Wellwood. Ganz authentisch und menschlich zu sein bedeutet in beiden Dimensionen, der absoluten und der relativen Liebe, fest verwurzelt zu sein. Es bedeutet, die Tatsache zu feiern, dass wir gleichzeitig verletzlich als auch unzerstörbar sind.

Liebevolle Beziehungen


Wie also können wir unsere menschlichen Beziehungen so erleben, dass sie andauern – über das erste Verliebtsein hinaus, über Konflikte und Differenzen hinaus? Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Beziehungen uns in Kontakt mit der absoluten Liebe bringen und uns öffnen. All unsere Blockaden, Wunden, all unsere Verzweiflung und unser Misstrauen kann sich dadurch offenbaren. Das fühlt sich erst mal sehr schmerzlich an. Es ist in Wahrheit die große Chance der menschlichen Beziehung, denn die Liebe kann nur frei fließen, wenn alle unsere Verletzungen an die Oberfläche gekommen sind. Die Liebe kann heilen, doch sie kann auch nur das heilen, was sich auch zur Heilung zeigt.

Wenn wir uns streiten oder am anderen etwas auszusetzen haben, sollten wir erkennen, dass unsere Unterschiedlichkeit wichtig ist und bewusst wahrgenommen werden kann, mit gegenseitiger Wertschätzung, Neugier und Freude. Oft verzweifeln wir an unseren Ansprüchen an den anderen und an uns selbst. „Ich liebe dich, aber gerade kann ich dich nicht ausstehen“ – das ist ok! Im Alltag schwanken wir ständig zwischen Öffnung und Verschließen, Anziehung und Ablehnung, Verständnis und Unverständnis, Begegnung und Rückzug. So ist das Leben selbst. Es ist ein ständiger Wandel, ein Pulsieren, so auch unsere Beziehungen. Wenn wir nicht gegen die Gezeiten der Liebe ankämpfen, sondern mit den Wellen gehen und auf ihnen reiten lernen, haben wir die Chance echte Nähe, echten Kontakt zu erleben. Wir heilen unsere Wunden und spüren die Kraft und Gelassenheit, die uns innewohnen.

Unsere Unvollkommenheit kann uns als Wegweiser dienen im Arbeitsprozess, der wir sind, anstatt als Hindernis für die Liebe oder das Glück gesehen zu werden. Unser Geist und unser Herz sind unendliche Räume, so wie der Himmel. Wolken sind für den Himmel nichts Bedrohliches – genauso sollten wir den Schwierigkeiten in unseren Beziehungen begegnen. Im Zweifelsfall ist es angesagt, zunächst in Kontakt mit sich selbst zu kommen, um Bewusstheit und Mitgefühl zu entwickeln, und sich erst dann dem Partner zuwenden. Zum Beispiel schafft eine bewusste Pause zwischen Arbeitsalltag und Zusammentreffen mit dem Partner schon viel mehr Ruhe, als wenn man non-stop von einem in den anderen Modus kommt.

Ein immer wieder zu sich kommen, während man in Kontakt mit dem Partner ist, kann Raum geben für Echtes, Ehrliches, Gemeinsames. So oft wissen wir gar nicht, was bei uns selbst gerade los ist, erwarten aber vom anderen, dass er uns versteht und perfekt auf uns eingeht. Unsere Enttäuschung von der Liebe lässt den Groll in uns oft unverhältnismäßig anwachsen. Lassen wir den Groll! Er führt uns vom Wege ab. Erkennen wir unsere Gefühle und wahren Bedürfnisse, können wir immer wieder zu Mitgefühl und inniger Anteilnahme finden – für uns selbst und den anderen – und zusammen an den Dingen arbeiten.

Wir sollten bei uns selbst die „Stimmung mangelnder Liebe“ untersuchen und klären, um eine zufriedene Beziehung leben zu können. Meistens wollen wir auf eine bestimmte Art geliebt werden, nämlich so, das unsere emotionalen Wunden aus der Vergangenheit geheilt werden. Man kann sich mal hinsetzen und der Frage nachspüren: Nach welcher Art von Liebe sehne ich mich am meisten? Und was genau würde mir das geben, wenn ich sie erlebte?

Manche stellen dann überrascht fest, dass sie einfach eine große Sehnsucht nach ihrem eigenen Herzen haben. Sie möchten Liebe und Glück, Zufriedenheit und Wärme in ihrem Herzen spüren. Wenn man einmal bewusst erlebt hat, wie einem das Herz aufgeht, wenn man nur an das denkt, was man sich wünscht und sich vorstellt es zu haben, versteht man auf eine tiefere Art und Weise, dass es dieses Gefühl ist, was man sich wünscht, und dass man es selbst in der Hand hat, dies zu spüren. Wenn das Herz offen ist, kann die Liebe frei durch einen durchfließen. Diese Erfahrung und dieses Wissen sind eine gute Basis für eine Beziehung. Diese Art Liebesbeziehung mit sich selbst bedeutet eine große innere Freiheit.


Literaturtipps zum Thema
John Welwood: Vollkommene Liebe

Sally Kempton: Meditation - Das Tor zum Herzen öffnen

Safi Nidiaye: Herz öffnen statt Kopf zerbrechen, Das Tao des Herzens

Für Eltern

Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit

Naomi Aldort: Von der Erziehung zur Einfühlung

Vimala McClure: The Tao of Motherhood 


14. November 2015

Drei magische Fragen

Die drei magischen Fragen der Achtsamkeit :
1. Was ist gerade?
2. Wie fühlt sich das an?
3. Kann ich dazu in Beziehung gehen?

9. November 2015

Die sein, die ich bin...

Wir haben den Hof aufgeräumt: Laub zusammengekehrt, den Schuppen entrümpelt und so. Wir sollten sowas öfter machen - bei uns selbst. Aufräumen, klar werden, Sachen ablegen, loslassen. Wir schaffen auf diese Weise Raum und bessere Sicht auf das, was ist, auf das, was wir sind und wer wir sind. 

Vielleicht geht es bei dieser Reise weniger darum,
dass aus dir jemand wird.   
Vielleicht ist es vielmehr ein Immer-wieder-loslassen all dessen,
was du nicht bist,
sodass du letztendlich der sein kannst,
der du von Anfang an warst.

  
Unter dem altem Laub entdecken wir dann vielleicht unsere Wurzeln und unsere wahre Beschaffenheit. Wir erkennen, was zu uns gehört und was eigentlich nicht, was wir bloß angenommen haben, weil es einmal notwendig, nützlich oder bequem war. Achtsames Gewahrsein im Alltag und regelmäßige formale Meditationsübungen können uns dabei helfen, zu uns zu finden. Im Kontakt mit uns selbst, in angenehmen und unangenehmen Momenten, wenn wir mutig hinschauen und erst mal freundlich annehmen, was sich da zeigt, erkennen wir unser Herz. Und mit unserem Herzen sehen wir unsere wahren Wünsche und Bedürfnisse, unsere tatsächliche Stärke und unsere Talente, unseren schon vorhandenen Gleichmut, unsere ungeheure Lebenskraft und unsere tiefe Liebesfähigkeit.
 

Mit diesem durch freundliche Zuwendung von innen heraus erfahrenen Wissen werden wir uns unserer selbst sicherer. Diese Sicherheit unterscheidet sich von der, welche z.B. durch Bestätigung von außen entsteht. Sie ist stabil und trägt uns durch alle Zeit. Und sie ermöglicht tiefe Zufriedenheit und große Freude. Ich wünsche jedem Menschen diese innere Sicherheit.



24. Oktober 2015

Hingabe und innere Freiheit


Hingabe & innere Freiheit

Wenn deine Gesamtsituation unbefriedigend oder unangenehm ist, dann nimm dir nur diesen Augenblick und gib dich dem hin, was ist. Das ist der Taschenlampenstrahl, der den Nebel durchdringt. In diesem Bewusstseinszustand lässt du dich nicht länger von äußeren Umständen beeinflussen. Frage dich: Kann ich irgendetwas tun, um diese Situation zu verändern, zu verbessern oder zu verlassen?

Falls ja, tue das Erforderliche. Höre auf dich mit tausenderlei Dingen zu beschäftigen, die du irgendwann in Zukunft machen möchtest oder zu tun hast. Konzentriere dich auf das Eine, was du in diesem Moment in Angriff nehmen kannst. Auch einen Plan erstellen kann das sein, was für den Moment erforderlich ist. Entscheidend ist nur, dass du nicht irgendwelche Gedankenfilme in deinem Kopf ablaufen lässt und du damit das Jetzt aus den Augen verlierst. Vielleicht hat nicht alles, was du tust, sofort seine unmittelbare Auswirkung und braucht Zeit um Früchte zu tragen. Bis dahin widersetze dich nicht dem, was ist.

Gelingt dir das nicht so gut, dann erkenne zunächst einmal an, dass der Widerstand da ist. Pass auf, wenn er wach wird und sich zeigt. Beobachte wie dein Denken ihn erzeugt. Fühle die Energie der Emotion. Indem du den Widerstand beobachtest, erkennst du, dass dieser keinen Zweck erfüllt.

Wenn du dich aus der Situation nicht befreien kannst, dann nutze sie, um dich noch intensiver in Hingabe zu üben. Indem wir immer wieder achtsam sind und uns der Gegenwart hingeben, ergeben sich oft erstaunliche Veränderungen, ohne dass man viel dazu tun muss. Das Leben gestaltet sich dann hilfreich und kooperativ.

Durch deine Hingabe an das, was ist, erkennst du, dass du immer die Wahl hast, wie du auf Situationen reagierst. Du bist frei.

nach Eckart Tolle

 

 


11. Januar 2015

Welt lass mich in Ruh?


Ich wurde unlängst von Julia Friedrichs für DIE ZEIT interviewt. Der Artikel ist in der Ausgabe vom 30.12. im ZEIT MAGAZIN, jetzt auch bei Zeit Online. Wer den Artikel als PDF haben möchte, kann sich bei mir melden.
Leider ein wenig erbaulicher Text, der vielleicht mehr über die Redaktion der ZEIT sagt als über das gesellschaftliche Phänomen, das er beschreiben soll. Hier wird das derzeitige Bedürfnis vieler nach Entschleunigung und die Lust auf Self-Made-Produkte als Desinteresse am weltlichen Geschehen interpretiert. Die ZEIT titelt mit "Welt lass mich in Ruh" und Frau Friedrichs spricht von den "Abgeschotteten", die nicht hinsehen wollen.
Ich war ziemlich erstaunt und hab mich auch kurz geärgert. Aber während ich in Gedanken meine Widerworte gegen diese seltsam arrogante und altbackene These formulierte, fand ich, dass ich eigentlich alles schon gesagt hatte - und es ja sogar gedruckt lesen konnte. Insofern alles gut.
Wer Zeit hat: Oft lustig und sehr treffend sind einige der vielen Leser-Reaktionen beim Online-Artikel.
 


 


10. Januar 2015

Selbstfindung

Alles materielle existiert in der Zeit. So auch unser Körper. Unser Selbst, unser Bewusstsein, unser Wesenskern sind zeitlos. Es ist seit unserer Entstehung dasselbe und bleibt es auch im hohen Alter.
Wenn wir nun zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl haben uns selbst besser kennen lernen zu wollen und uns auf die Suche nach uns selbst machen,  dann braucht es dazu nichts weiter als Gegenwärtigkeit. Es braucht keine Zeit, sondern nur unsere freundliche Aufmerksamkeit und das sanft nach innen gerichtete, bewusste Wahrnehmen dessen, was ist. Hier werden wir uns stets begegnen. Und von hier aus können wir uns Schritt für Schritt,  Moment für Moment selbst erkunden und kennen lernen.

17. Dezember 2014

Familientreffen zu Weihnachten: Das ultimative Übungsfeld für deine Achtsamkeitspraxis

Zu dieser Zeit des Jahres kommen viele Familien zusammen, zu ausgedehnten Treffen über mehrere Tage oder einfach zum Essen oder Spazierengehen.
So wunderbar das sein kann, für manch einen kann auch das eine echt anstrengende Zeit sein, aus verschiedenen Gründen, z.B. alte Konflikte kommen wieder hoch, schmerzvolle emotionale Muster zeigen sich, es gibt Leute, die einen immer wieder kritisieren müssen. Viele Leute auf einem Haufen veranstalten ohnehin oft ein stressiges Chaos. Wir kommen aus unserer täglichen Routine und verlieren das gewohnte Kontrollgefühl, das Planen und Vorbereiten der Feiern verursacht zusätzlichen Stress usw. 


Wie gehst du damit um? Wie kann man seine Familie treffen, mit schwierigen Emotionen umgehen und dabei positiv gestimmt bleiben und seine Energie behalten?
Es mag so scheinen, als ob der beste Übungsraum für Achtsamkeit ein friedlicher Zen-Tempel ist und in einigen Punkten stimmt das sicher. Aber so wie Trainingschießen nicht dasselbe ist wie ein tatsächlicher Nahkampf, so ist das Üben auf dem Meditationskissen nicht das gleiche wie inmitten eines verrückten Familientreffens zu sein. So ein Zusammenkommen bringt unsere Praxis auf ein ganz anderes Level.


Was und wie kannst du Achtsamkeit praktizieren? Versuche eine von diesen Übungen zur Zeit, z.B. wenn Onkel Gunther wieder eine seiner langweiligen Geschichten erzählt oder deine Mutter wieder an dir herummäkeln muss:


•    Komm in Kontakt mit deinem Körper und deinem Atem: Mittendrin, während die Dinge gerade geschehen, kannst du dir ein paar Sekunden nehmen und deine Aufmerk-samkeit auf deine Körperhaltung lenken. Wie fühlt sich dein Körper an, sitzt du vielleicht schon zu lang usw. Dann folge deinem Atem ein paar Mal, Einatmen, Ausatmen. Diese zentrierende Praxis bringt dich zurück in das Hier und Jetzt.
•    Bemerke deine Selbst-Fixierung: Wenn Menschen uns frustrieren oder irritieren, geschieht das häufig, weil wir darauf konzentriert sind, was wir wollen, was wir denken wie wir behandelt werden sollten, wie wir wollen, dass sich die anderen verhalten, wie die Welt ansich sein sollte. Es ist wichtig, das zu bemerken, wenn Gefühle aufkommen. Bemerke, wenn du dich nur auf dich und dein Wollen konzentrierst.
•    Frage dich: Was braucht diese Person? Anstatt darüber nachzudenken, was du willst, praktiziere und frage, was der andere braucht. Schau, wie dir das helfen kann. Versetz dich in die Lage des anderen. Fühl seinen Schmerz, ohne es zu beurteilen.
•    Höre einfach zu. Manchmal brauchen Menschen es einfach, dass du ihnen zuhörst. Das ist etwas, dass wir oft nicht mit 100%iger Aufmerksamkeit machen. Praktiziere das Zuhören ohne zu urteilen, ohne darüber nachzudenken, was du als nächstes sagst. Fühle mit der Person, stell dir vor wie es ist sie zu sein, fühle was sie zu kommunizieren versucht.
•    Beobachte deine Gedanken. Werde zum Beobachter und schau, wie deine Gedanken aus ihrem kleinen Versteck in deinem Kopf auftauchen. Hast du diesen Gedanken gerade erwartet? Kannst du den nächsten schon voraussehen? Welche Gedanken kommen dir in den Sinn? Sind diese Gedanken Du oder einfach Dinge, die auftauchen und auch wieder verschwinden?
•    Lass los. Gibt die Kontrolle auf. Stress kommt oft daher, dass wir kontrollieren wollen, wie die Dinge laufen. Entweder glauben wir, wir haben die Kontrolle oder wir wollen sie einfach nur. Praktiziere hier das Loslassen und lass die Dinge geschehen. Gehe nicht in Widerstand zu dem, was passiert. Nimm an und sei damit. Praktiziere glücklich zu sein, egal was passiert.
•    Sorge für dich. Oft sind wir sehr kritisch mit uns selbst, haben hohe Ansprüche und Erwartungen daran wie wir selbst sein sollten. Du bist ok, so wie du bist. Und wenn du achtsam wahrgenommen hast, was ist und es so sein lassen kannst, dann kümmere und sorge auch dafür, dass es dir gut geht. Schau, was du gerade brauchst, damit du ausgeglichen und in Frieden sein kannst.
•    Mach eine Aufgabe zu deinem Universum. Wenn du Kaffee kochst, mach diese Handlung und diesen Moment zu deinem Ein und Alles. Zum ganzen Universum. Als wäre da nichts anderes als das. Dann tu das, wenn du mit jemandem sprichst. Wenn du eine Frucht isst. Wenn du die Treppen hinaufgehst. Wenn du deinen Liebsten küsst, deine Verwandten umarmst.
•    Übe Wertschätzung. Dinge sind stressig, weil wir uns wünschen, sie wären anders. Aber die Dinge sind schon ziemlich bemerkenswert so wie sie sind. Wir müssen nur unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, wie die Dinge sind und bemerken, was da ist, die Schönheit in dem sehen, sie wertschätzen. Das kannst du die ganze Zeit praktizieren.
 

Du kannst diese Übungen nicht alle gleichzeitig machen. Aber du kannst eine der Übungen nehmen und eine Weile mit ihr arbeite. Dann probier eine andere.
Eine Übung zur Zeit, ein Moment zur Zeit, und du wirst besser darin, achtsam inmitten eines chaotischen Familietreffens zu bleiben. Und dann wirst du die Schönheit sehen, welche die ganze Zeit schon da war.
 

Frohes Fest!
Eure Sarina


Text inspiriert von Leo Babauta

3. Dezember 2014

Spiegelneuronen - Warum ich fühle, was du fühlst und warum die Intuition manchmal irrt.


„Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im eigenen Körper ein bestimmtes Programm realisieren können, die aber auch dann aktiv werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum dieses Programm in die Tat umsetzt.“

Die Forschung hat in Experimenten mit einem Affen herausgefunden, dass eine bestimmte Zelle verantwortlich ist für die Handlung „nach Nuss greifen“. Die Zelle „feuert“ (sendet Infos) aber nicht nur, wenn der Affe die Handlung ausführt, sondern auch, wenn er sieht, dass jemand anderes die Handlung ausführt.
Und sie feuert, wenn der Affe sieht, wie jemand anderes die Handlung beginnt auszuführen. "Spiegelneuronen können beobachtete Teile einer Szene zu einer wahrscheinlich zu erwartenden Gesamtsequenz ergänzen."
Wir ahnen, wir kennen das Handlungsmuster und erzählen uns die Geschichte zuende, bevor sie passiert ist. Das sieht man z.B. beim Mannschaftssport: Wenn sich beim Fußball die Spieler viel bewegen, spielen sie effektiver, da sie besser erkennen können, was der andere vorhat. Es erklärt auch, dass wir unruhig werden, wenn sich bei einer Veranstaltung ein Mensch komisch verhält – wir ahnen vielleicht, dass etwas Bedrohliches passieren könnte.

Intuitive Ahnungen können in einem Menschen entstehen, auch ohne dass er sich dessen bewusst ist. Und Intuition kann auch irren. Wenn ein Mensch in einer bestimmten Situation mit Menschen immer wieder dieselbe Erfahrung gemacht hat, wird er immer ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Gefühle oder Körperempfindungen erwarten. Auch, wenn das in einer neuen Situation überhaupt nicht gegeben ist. Irrtümer sind häufig, da Alltagssituationen oft mehrdeutig sind. Daher sollten sich immer Intuition und rationale Analyse gegenseitig ergänzen.


Bei Angst und Stress wird das Spiegelneuronen-System übrigens lahm gelegt. Untersuchungen zeigen, „sobald Druck und Angst erzeugt werden, klinkt sich alles aus, was vom System der Spiegelneuronen abhängt: das Vermögen sich einzufühlen, andere zu verstehen und Feinheiten wahr zu nehmen.

Intuition ist in Stress-Situationen also kein guter Ratgeber." Bevor man also auf seinen Bauch hören möchte, sollte man sich ein wenig beruhigen und dann bewusst handeln.
Da das Spiegelsystem auch stark mit dem Lernvermögen verbunden ist, nimmt die Fähigkeit zu lernen, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen unter Stress deutlich ab.



Literatur dazu „Warum ich fühle, was du fühlst“- intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen, Joachim Bauer


27. Oktober 2014

Netzwerktreffen Achtsamkeit in der Pädagogik

Treffen am 23.10.2014 in Berlin, Therapeium Zehlendorf

Es war total spannend zu erfahren wer wo worüber forscht. Es sind einige deutschsprachige Studien am laufen, die die Wirkung und Bedeutung von Achtsamkeit (im engeren und weiteren Sinne) im Schulkontext erforschen, z.B. in Freiburg, Frankfurt/Oder und Luzern. Inhaltlich geht es bei denen u.a. um Empathie und Emotionale Kompetenzen und Muße. Ziel der Forschung ist es u.a., Curriculums für Lehrer zu erarbeiten, welche Lehrer und Schüler im achtsamen Umgang miteinander unterstützen, zu erlernen dann als Lehrer Fortbildung.
Die Studie der Uni Freiburg z.B. forscht dazu an drei Schulen mit Lehrern und Schülern. Eine große Studie der Berliner TU untersucht das Thema achtsamer Konsum und schaut dazu in Unternehmen und Schulen. Außerdem wird zum Thema Bewusstseinsförderung in der Schule gearbeitet.
Es ging dann auch um etwas detaillierte Fragen und Schwieirgkeiten in der Forschung selbst: Erforscht man die Wirkung eines MBSR-Trainings, muss man dann die Variable des Kontextes miteinbezogen werden (z.B. zu welcher Jahreszeit wurde der Kurs gemacht, wie ist die persönliche Wirkung des Lehrers usf.) Oder andere Frage: Wenn man die Teilnmehmer der Studie per Video-Interview befragt, ist dann diese Methode nicht schon ein Eingriff, ein Kontext, da durch die Fragen eine tiefere Beschäftigung mit dem Thema initialisiert wird...
 
Ja, ganz spannend. Und irgendwie auch rührend dieses Bemühen etwas zu beweisen, was jeder erfahren kann, wenn er es mal ausprobiert. Auf jeden Fall interessiert mich die wissenschaftliche Seite - obwohl ich in der Runde als Praxis-Vertreterin saß und von meiner Arbeit an der Schule, als Netzwerkerin und als Autorin der Website für den Verein AKiJu berichtet habe.

Netzwerken

Die Website www.akiju.de geht nämlich Anfang November online. Dort werden Informationen bereit gestellt und Spenden gesammelt, um das Thema Achtsamkeit in der Schule weiter zu bringen. Vielfältige Infos stehen dort bereit für Schulen, Eltern, Kids und Sponsoren. In der Diskussion wurde klar, dass die Website noch viel mehr als Netzwerk-Knotenpunkt genutzt werden kann, indem man auch die Arbeitsbereiche Berliner Netzwerk achtsame Hochschule und das Thema achtsame Kita integriert. Außerdem soll der Aspekt Forschung noch mehr eingebunden werden und die Möglichkeit angeboten werden, dass Forscher und Praktizierende sich vernetzen. Da müssen wir nun also nochmal ran an die Website-Struktur! 

Diskussion

Desweiteren wurde wie so oft mal wieder diskutiert, was es bedeutet und beinhaltet als Lehrer Achtsamkeit an die Schule zu bringen. Die "achtsame Haltung" ist das A und O. Das sieht jeder in der Runde. Denn Achtsamkeit ist nichts, was man in einem Wochendworkshop lernt, sondern was man fortlaufend übt - ein Leben lang. Und mit der Zeit entwickelt man dadurch eine bestimmte Haltung. Und diese Haltung ist es am Ende auch, die dann im Klassenraum zum Tragen kommt, nicht, dass man weiß wie man die Kinder in die Meditationshaltung und die Klasse in die Stille bekommt.
Am Ende benötigen dann Lehrer, die bereits längere Übung in der Achtsamkeitspraxis haben, vielleicht nur wenige Übungstipps, um ihren Schülern das selbst Erlernte und Erlebte weiterzugeben - dazu brauchen sie ein kleines, für Individuelles offenes Curriculum
Lehrer ohne achtsame Haltung hingegen, können die überhaupt Achtsamkeit vermitteln, dürfen die so ein Curriculum einfach benutzen? Und wie stellt man eigentlich fest, ob jemand "richtig" achtsam ist oder nicht? 
Dies werden dann auch Themen sein, mit denen sich der Verein AKiJu auseinandersetzen muss, da er für Qualitätssicherung bei der Empfehlung von Programmen und Lehrern steht und natürlich die Sponsorengelder verteilt.

Also, es war ein interessantes Treffen, ich hab gute Leute kennengelernt und wiedergetroffen! Nun bin ich sehr gespannt, wie die Studien verlaufen und was sie ergeben werden. 

Mitte November steht die MBSR KOnferenz in Leipzig an, bei der ich in der Fachgruppe Achtsamkeit in der Schule die Website des Vereins präsentiere. Ich freu mich drauf!

So far. Liebe Grüße!



7. Oktober 2014

Happy Abwasch

Das Bild der wunderbaren Molly von Buddha Doodles zeigt, dass man jederzeit und bei den alltäglichsten Tätigkeiten bewusst fröhlich und zufrieden sein kann. Anstatt abzuwaschen und dabei an morgen oder gestern zu denken und sich vielleicht in Sorgen oder Grübeleien zu verstricken, kann man wahrnehmen, dass das Wasser angenehm warm ist, ja dankbar sein, dass es überhaupt wie durch ein Wunder immer verlässlich durch den Wasserhahn zu einem kommt. Dass man jetzt eine kleine Pause vom Denken nehmen und einfach nur abwaschen kann. Dass man das Geschirr schön sauber macht für sich selbst und die Familie usw.

Klingt langweilig? Ja wahrscheinlich. Bis zu dem Moment, in dem einem das zum ersten Mal magisch vorkommt. Der Moment, in dem man den Moment in seiner ganzen Tragweite wahrnimmt und versteht und mit dem ganzen Körper erlebt.

Unser LEBEN findet in eben diesem Moment statt! In diesem banalen Moment des Abwaschens. Und in all den anderen Momenten des alltäglichen Treibens, Anziehen, Kaffeetrinken, Fahrradfahren, Einkaufen... Ja, das ist unser Leben. Es ist voller Situationen, die sich scheinbar wiederholen und die erstmal nicht besonders erscheinen. Und es ist eine Kunst und Bedarf der Umgewöhnung, in all diesen Moment das Besondere zu sehen, nämlich das LEBENDIGSEIN. Man muss dazu wach und präsent sein und verstanden haben, dass sich über Dankbarkeit und Gleichmut Zufriedenheit und das Glück einstellen.

Irgendwie glauben wir unser Leben fand statt, damals im Urlaub oder damals als wir noch Kind waren. Oder wir warten auf ein nächstes tolles Event, in dem unser Leben stattfinden wird. Und dazwischen warten wir ab, denken herum, grübeln, sorgen uns, proben Gesprächen, Planen Projekte. Kommt dann das tolle Event, sind wir meist zu aufgeregt und unpräsent, um es wirklich zu genießen und sind hinterher vielleicht sogar noch enttäuscht.

Tatsächlich wiederholen wir die meisten Gedanken ständig, selten ist etwas ganz Neues, Frisches dabei. Wir wiederholen die Gedanken für uns und in Gesprächen wiederholen wir sie wieder und wieder. Und so passiert es, dass wir zum zehnten Mal darüber nachdenken, was der Kollege im Büro neulich mit seinem Kommentar meinte oder uns langsam wieder in den Ärger über  Politik, das Wetter, unsere schlechte Diätdisziplin oder was auch immer hineinsteigern - anstatt einen Moment zu haben, in dem wir voller Genuss und Dankbarkeit das warme Abwaschwasser an unseren Händen spüren und uns z.B. freuen, dass wir eine Familie oder einen Partner haben, für den wir abwaschen können.

In so vielen Büchern, Artikeln, Sprüchlein lesen wir, dass Glück und Zufriedenheit, Frieden und Mitgefühl in uns selbst entstehen muss unabhängig von dem Äußeren, unabhängig von den "Geschichten" die wir uns erzählen. Und dabei ist es immer wieder dieser banale Moment, der damit gemeint ist - in dem wir realisieren, dass er eben nicht banal ist, sondern dass in ihm sich unser ganzen Leben abspielt. Denn es gibt immer nur diesen Moment. Alles andere ist Schall und Rauch.

Also, Wachheit und Bewusstmachung bringen uns dahin, das wahrzunehmen und zu wertschätzen, was wir tatsächlich gerade erleben. So wird aus dem gedanklich vorgestellten Leben ein mit Lebendigkeit gefülltes SEIN. 

Eigentlich ist es ganz einfach.
Ich wünsche euch einen schönen nächsten Abwasch!



18. September 2014

Lücken zulassen



"Ich betrachtete wieder die leere Stelle an meinem Finger, wo der Ring gesessen hatte. Diesmal sah ich wirklich eine leere Stelle. Zum ersten Mal in meinem Leben erfüllte mich ein Verlust mit Neugier.
Was würde kommen, um diese leere Stelle zu füllen? Würde ich einen anderen Ring anfertigen? Oder würde ich in einem Laden oder auf einer Reise einen anderen Ring finden? Vielleicht würde mir irgendwann einmal jemand, den ich noch nicht kannte, einen Ring schenken, weil er mich liebte.
Ich war fünfundreißig Jahre alt und hatte noch immer nicht gelernt, dem Leben zu vertrauen. Ich hatte niemals irgendwelche leeren Stellen zugelassen. Wie meine Familie hatte ich geglaubt, dass leere Stellen auch leer blieben. Zu leben hatte bedeutet, sich an das zu klammern, was man hatte. Meine medizinische Ausbildung hatte mich in meiner Haltung, Verluste um jeden Preis zu vermeiden, noch bestärkt. Alles, was ich jemals losgelassen hatte, zeigte bleibende Spuren meiner Umklammerung. Doch mit dieser leeren Stelle an meinem Finger verhielt es sich anders. Sie erfüllte mich mit einer ähnlichen Spannung und Vorfreude wie eine eingepacktes Weihnachtsgeschenk."

Rachel Naomi Remen (aus: Endanfänge)

Text gefunden im "Mit Kindern wachsen" Helft Juli 2014
 



15. September 2014

Atem Pause

Ich wurde gefragt, was im Kern die Achtsamkeitspraxis im Alltag beeinhaltet und was sie dabei so wertvoll macht? Was lässt die Kranken gesunden, die Gestressten sich entspannen, die Verwirrten Klarheit finden, die Deprimierten aus dem negativen Gedankenkarussel aussteigen?
Natürlich fallen mir dazu all die heilsamen Aspekte ein, die eine Achtsamkeitspraxis mit sich bringt. Doch wenn ich genauer hinschaue, hat es sehr viel mit dem Atmen zu tun.

Ich erinnere mich selbst an meine Anfänge mit der Praxis und wie ich anfing, über den Tag verteilt immer wieder bewusst meine Atmung zu registrieren, öfter auch mal tief und dankbar durchgeatmet habe. Es war anfangs wirklich jedesmal wie eine kleine Erleuchtung. Daneben habe ich Yoga praktiziert, das starken Fokus auf die Atmung legt (Vinyasa) - für eine Stunde am Tag praktizierte ich also bewusstes Atmen, Ujjayi Pranayama. Seither ist der Atem mein Begleiter, mein Freund, mein Heiler, mein Kraftspender, den ich pflege, kultiviere, nutze. 


ATMEN. Das Wertvolle daran ist, glaube ich: Über den Atem als Anker im Alltag finden wir in eine Präsenz in der augenblicklichen Situation - sei sie eine stressvolle, schmerzhafte, grüblerische, chaotische - und wir steigen aus, atmen, entspannen, sind bei uns. Der Körper entspannt sich, das ist heilsam. Wir finden über den Atem zu einem stillen, entspannten, klaren Raum in uns, der immer da ist, immer verfügbar. Der uns einen Augenblick zuvor nicht bewusst war, nicht verfügbar erschien und sich durch das bewusste Atmen zeigt. Das ist kraftvoll, spendet Sicherheit, lässt Vertrauen wachsen.

Also, wenn du auch nicht meditierst oder Yoga machst oder sonst einer formalen Praxis in der Richtung nachgehst - bewusst atmen kannst du jederzeit und du kannst sofort damit beginnen und selber schauen, ob es auch für dich wertvoll und heilsam ist.