4. März 2014

Wege in die Lebendigkeit


Was bedeutet Leben? Was verstehst du unter „lebendig sein“? Bedeutet es, dass dein Herz schlägt und du am Leben bist, oder dass du viel unterwegs bist und viel unternimmst, dass du kreativ bist in deiner Arbeit, dass du mit Menschen zusammen bist? Wann fühlst du dich lebendig?
Meist fühlen wir uns lebendig, wenn wir uns freuen und aufgeregt sind, aber auch wenn wir traurig oder wütend sind. Emotionen haben viel mit sich-lebendig-fühlen zu tun. Die emotionalen Dramen, die wir manchmal sogar künstlich erschaffen, dienen nicht selten dazu, dass wir uns lebendiger fühlen, uns selber spüren.
In vielen Aspekten des Lebens ist aber auch unser rationaler Verstand gefragt. Wir müssen Planen, Strukturieren, Dinge überdenken, Probleme lösen. Tatsächlich denken wir gewohnheitsmäßig ständig über dies oder jenes nach. Manchmal geraten wir regelrecht ins Grübeln. Und manchmal kommen wir sehr schnell aus dem emotionalen Erleben in ein Darüber-Nachdenken oder Analysieren. Und es kann sogar sein, dass wir das Gefühl gar nicht erst richtig empfinden, sondern gleich viele Gedanken daran heften. Damit lenken wir uns von der Empfindung ab – vielleicht ist uns das Gefühl zu stark oder unheimlich oder wir sind es gewohnt uns zu kontrollieren.
Abwenden vom Leben
Wenn wir uns allerdings mit Hilfe von Gedankengängen – Analysieren, Grübeln, an-etwas- anderes-denken – von dem Empfinden ablenken, können wir uns nicht mehr lebendig fühlen. Oft wenden wir uns deshalb von einer Erfahrung ab, wenn wir glauben, damit Schmerz vermeiden zu können. Tatsächlich liegt in diesem Abwenden der Grund dafür, dass die Angst vor dem Schmerz und der Schmerz selbst erhalten bleiben, dass sie sich vielleicht sogar vergrößern und dass noch Extra-Leid hinzukommt.
Auch mit Emotionen lenken wir uns manchmal von Emotionen ab, z.B. wenn wir eigentlich traurig und enttäuscht sind, kann es vorkommen, dass wir das Gefühl mit Ärger oder sogar Wut ersetzen. Ein Gefühl wie Wut ist oft leichter zu ertragen als Traurigkeit, außerdem ist es gesellschaftlich viel anerkannter und die Leute können damit besser umgehen. Vielleicht werden wir dadurch zu einem nörgelnden oder jähzornigen Menschen, obwohl unser Herz eigentlich Trost und Verständnis sucht. Auch hiermit verhindern wir, dass ein bestimmter Teil von uns lebendig sein kann.
Das Abwenden von der Empfindung kommt einem Rückzug vom Leben gleich. Denn das Leben kann nur in der direkten Erfahrung erlebt werden kann. Die Achtsamkeit ist eine Praxis, sich der lebendigen Erfahrung bewusst zuzuwenden.
„Sie werden empfindsam für die derzeitige Erfahrung des Lebendigen, dafür, wie die Dinge sich unmittelbar anfühlen. Sie sitzen nicht herum und entwickeln erhabene Ideen über das Leben. Sie leben.“ Bhante Gunaranta
Denn das Leben hat etwas mit ERLEBEN zu tun, damit, Dinge an sich heran- und dann auch aus sich heraus zu lassen. Beim Erleben lassen wir uns berühren – von einem Gefühl, ausgelöst vielleicht von einem schönen Bild, einem traurigen Lied, einem freundlichen Wort, einem erschreckenden Unfall oder einer aufwühlenden Gespräch.  
Wenn man mit einem starken Gefühl konfrontiert wird oder in depressiver Stimmung ist, kann es eine große Herausforderung sein, sich der Erfahrung, dem Empfinden wirklich zuzuwenden.
Gedanken und Gefühlen begegnen
Achtsamkeit dient nicht dazu, sich durch die Praxis „besser zu fühlen“. Tatsächlich wäre dies ein Wunsch, Gedanke, eine Erwartung, die einen wieder ablenkt und mit dem man sich von der aktuellen Erfahrung abwendet. Vielmehr macht die Übung des achtsamen Gewahrseins es möglich, egal wie die Umstände gerade sein mögen, in direkterem Kontakt zur Lebenserfahrung zu sein. Achtsamkeitspraxis führt u.a. dazu, sich lebendiger zu fühlen.
Ein wesentlicher Aspekt bei der Praxis ist, dass wir erfahren, dass es möglich ist, mit dem Gefühl, mit der Erfahrung, mit dem Schmerz zu sein, dass wir das tolerieren und annehmen können. Wir erkennen vielleicht mit mehr Klarheit, dass das, was das Erleben so unerträglich macht, die Angst davor ist, dass der Zustand sich nie ändern wird, dass das Gefühl nie mehr weggeht oder dass es einen überwältigt und in einen Abgrund zieht.
Achtsamkeit und Lebendigkeit
Diese Angst aber ist genährt von Gedanken. Und Gedanken sind nicht Tatsachen, sondern eben nur Gedanken. Sie kommen und gehen. Es reicht nicht, dass wir identifizieren, welche Gedanken uns vielleicht so verwirren und ängstigen, sondern es ist entscheidend, dass wir erkennen und bewusst erleben, dass sie kommen und gehen, dass sie nicht zwangsläufig zu uns gehören, dass wir uns nicht mit ihnen identifizieren sollten. Bei wiederkehrenden negativen Gedanken üben wir vielleicht verzweifelt diese loszulassen, sie wegzumachen, sie wegzudrücken, durch positive zu ersetzen.
Tatsächlich ist es hilfreicher ihnen mit Akzeptanz, mit Humor, mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen. Wie durch ein Wunder lassen sie einen dann nämlich los. Gedanken sind wie eine sanfte Briese, wie die Blätter am Baum oder Regentropfen, die fallen. Sie sind unpersönlich. Sie tauchen auf, wir können sie anschauen, uns mit ihnen „befreunden“ und sie wieder gehen lassen.  
Wenn wir in Kontakt mit dem Leben sind und all das Chaos zulassen können, das innere und das äußere, ohne es permanent in gut und schlecht, angenehm und unangenehm, wünschenswert und abzulehnen usw. einzuteilen, dann sehen wir, dass gerade darin die Lebendigkeit erfahrbar wird. Und am Ende fühlen wir uns dadurch sogar „besser“ – einfach weil wir uns weniger persönliche Grenzen auferlegen und das ganze Potential und Spektrum unserer Persönlichkeit erfahren können; weil wir uns freier fühlen ohne die Angst vor einem bestimmten Erleben; und weil wir tatsächlich bewusster die vielen kleinen oder großen Momente erleben, die uns glücklich und zufrieden sein lassen, die unser Herz erfreuen, unsere Seele streicheln, die uns ein Gefühl von Sicherheit, Verbundenheit und Zuhause vermitteln.

3 Tipps, das Leben noch besser mitzubekommen:
·       Bewusst essen. Nur deine Mahlzeit und du. Keine Ablenkung, Unterhaltung, kein verstecken hinter Zeitschriften oder dem Handy. Schauen, wie schmeckt das gerade, wie fühlt sich das an, einfach nur zu essen, was geschieht um mich herum (im Café z.B.)?
·       Tu was mit Hingabe. Widme dich einer Sache, die du entweder erledigen musst, die ganz alltäglich ist oder die du richtig gern tust und gib dich dem ganz hin. Sei ganz bei der Sache und gib all deine Liebe hinein. Lass dir Zeit und sei offen für das, was entsteht.
·       Sei mit deiner Emotion. Wenn du das nächste Mal merkst, wie die Wut in dir hochkommt und dir heiß wird oder dir die Beine schwach werden vor Furcht oder Unwohlsein oder du enttäuscht wirst und es dir einen Stich ins Herz versetzt – bleib dabei, ganz nah, ganz vertraut, steh dir selbst bei als Freund, als Beobachter, als Zeuge. Lass das Gefühl zu, rede nichts schön, lenke nicht ab, aber steigere dich auch nicht hinein. Sei mit dem Gefühl und schau wie es durch dich hindurch strömt oder vielleicht mit deinem beruhigenden Atmen abklingt und wieder verschwindet.

Keine Kommentare: