19. Februar 2014

Furchtlose Annäherung an das Leben - Der Weg des Kriegers (4)



Umgang mit Angstgefühlen – Pema Chödrön
Frage dich: Wovor habe ich Angst? Mach eine Liste (sie kann unter Umständen sehr lang werden): der Hund von nebenan, ein Verwandter, deine Chefin, der Zukunft, vor Krankheit?
[...Nimm dir vielleicht jetzt beim Lesen kurz Zeit für diese Frage]

Wenn du tiefer schaust, praktizierst und immer tiefer schaust, erkennst du, es ist die Angst nicht genug zu sein, nicht gut genug zu sein, die Angst etwas zu verlieren, die Angst nicht geliebt zu werden. Wir haben tief verankerte Ängste, die manchmal nicht mal verbalisiert wurden oder nicht bewusst sind.
Wenn du tiefer und tiefer gehst, findest du mit Sicherheit eine bestimmte Angst vor dir selbst, Scham vor dir selbst, Angst dich näher anzuschauen, Angst vor dem, was du sehen wirst, wenn du dich selbst genau anschaust. Diese Angst hat eigentlich fast jeder.
Den „mutigen Krieger“, den Krieger des Mitgefühls zu kultivieren bedeutet, die Angst vor uns selbst anzuschauen und zu überwinden, das ist das Herz der Praxis des Kriegers.
Das Herz der Botschaft ist, dass wir keine Angst vor uns selbst haben müssen!
Es gibt kein lebendes Wesen, das nicht eine riesige Kreativität besitzt, das nicht eine riesige Offenheit besitzt, es gibt niemanden, der nicht Zärtlichkeit und Stärke in sich hat. Warum sollte ich eine Ausnahme sein?
Das ist es, wo wir steckenbleiben, dass wir uns selbst nicht trauen. Das ist es, wo alles verdreht wird, wo es seltsam wird – ... sich selbst nicht vertrauen, nicht respektieren.


Es gibt eine Quelle des Vertrauens: Du kannst darauf vertrauen, dass, was auch immer du sagst oder tust, du eine Antwort bekommen wirst von der Welt. Da kommt immer eine Kommunikation zurück zu dir. Auf die "Quelle des Vertrauens" kannst du dich verlassen, nicht in dem Sinne, dass sie für dich arbeiten wird oder dass alles gut werden wird, sondern du kannst vertrauen, dass die Welt dir immer die Informationen geben wird, die du brauchst um Offenheit und Furchtlosigkeit zu praktizieren.
Und du wirst feststellen, dass es eine sehr reichhaltige Welt ist, eine die nicht alle wird, wo es immer Antworten und Botschaften für dich geben wird. Entgegen der Annahme, dass die Situationen in der Welt, dass alle Dinge entweder ein Problem oder ein Versprechen sind, kann man annehmen, dass die Welt eine unendliche Fülle an Botschaften bereit hält, ein Reservoir, dass niemals austrocknet.
Es geht bloß schief, wenn du versuchst, daran zu drehen, so dass die Dinge so laufen wie du sie gern hättest, dann bekommst du keine klaren Botschaften mehr. Dann kannst du nicht mehr kommunizieren, kein Mitgefühl praktizieren, mit anderen Menschen dich nicht wirklich austauschen.
Also die erste Qualität ist Vertrauen, Vertrauen in die Fülle der Welt.
Und die zweite folgt der ersten und ist Freude oder Dankbarkeit.
Woher kommt die Freude? Die Freude kommt daher, wenn man realisiert, dass es niemals zu einem endgültigen Ende kommt, was auch immer heute passiert, es ist der Samen für das was kommt, es ist ein Prozess, es ist dynamisch.
Das ist das Problem, wenn schlimme Sachen passieren, dass wir daran festhalten, fixieren: „es wird immer so sein, so wie dieses schreckliche Ding, das passiert ist“. Dieser schwere Fels, der um deinen Hals hängt und dich runterzieht, runter in eine Depression oder riesige Angst oder lähmende Selbstzweifel.
Also etwas, das man beim Thema Freude empfindet, ist eine Art Zweifels-Freiheit, endlose Zweifellosigkeit darüber, dass kein Gefühl endgültig für immer da ist: no feeling is final.
Es ist das Ende von einer Sache und der Beginn einer neuen Sache, etwas Frischem. Es ist zur selben Zeit die Verwirklichung und der Samen für das, was kommt.
Die Freude entsteht, wenn wir uns in Richtung dieser Bewusstheit bewegen, wenn wir diese Offenheit gewinnen und diese Haltung gegenüber der Welt entwickeln. Dann wirst du nicht mehr hin- und hergeschleudert wie ein Ping Pong Ball.
Doch wir lieben das Auf- und Niedergeschleudert-werden, das Drama! Im Gegensatz zu dem anscheinend Gleichbleibenden, Langweiligen. Und daher leiden wir. Wir entfliehen dem langweiligen Moment: „ich putze zum millionsten Mal meine Zähne und werde es auch noch zig Mal tun, wie öde, ich flüchte mich daher lieber in ein paar sexuelle Fantasien, während ich Zähne putze“. (Wenn du in mein Alter kommst [Pema ist heute eine betagte Dame], dann bist du dankbar für die wenigen, noch übrig geblieben Zähne, die du noch hast!)
Erinnere dich: Da ist eine Dankbarkeit möglich, nicht dafür, dass alles gut geht, sondern weil man alles als ein dynamisches Fließen sehen kann, weil man immer Botschaften von der Welt bekommen wird, weil man immer kommunizieren kann.
Erfolg und Niederlage sind der Weg! Das ist ein wirklich anderer Weg [als das, was wir uns insgeheim wünschen, nämlich dass alles toll sein sollte – deswegen sind wir in Widerstand zu allem, das „schief geht“.] Dieser Weg ist einer, der von einem sanften Herzen kommt und der eine furchtlose Annäherung an das Leben ist, sodass wir voll und ganz mit dem Lebensfluss sein können. 
 
Meine Übersetzung zweier Vorträge von Pema Chödrön, gesehen bei Youtube

17. Februar 2014

glaube an dich, denn du bist ein erstaunliches wesen!

kommen wir als unbeschriebenes blatt auf die welt, tragen wir genetisch manifestierte erfahrungen unserer vorfahren in uns oder sind wir gar reinkarnierte wesen und bringen weisheit aus vorherigen leben mit?

letzteres nehmen z.b. die buddhisten an, was zur folge hat, dass in ihrer tradition bereits jedem neugeborenen in hohem maße respekt und anerkennung entgegengebracht wird - man weiß ja nicht, welch ein meister da gerade das licht der welt erblickt hat!

 

elterlicher umgang, gesellschaft, kultur usw. tragen maßgeblich dazu bei, wie sich das wesen eines menschen entfalten kann. nicht immer werden optimale umstände geschaffen - und talente, potentiale und wertvolle wesenseigenschaften werden manchmal unterdrückt, verschüttet, abgeschnitten.

es ist unsere chance, uns selbst als geborene meister zu sehen und uns ggf. auf die suche nach den verschütt gegangenen anteilen in uns zu machen. sich selbst diesen respekt und die nötige anerkennung zu geben und danach zu leben, kann viel in bewegung setzen und verändern - in uns und in unserem umfeld.

wer bin ich, was ist mein eigentliches wesen, was kann ich, was möchte ich - wirklich? wie wäre es, sich selbst immer mal wieder so zu sehen, als frisch auf die welt gekommenes wesen, das alles noch vor sich hat und die superladung leben mitbringt?

glaube an dich, denn du bist ein erstaunliches wesen!

5. Februar 2014

Wachsen - the rub of growth



Dieses Zitat von Rumi hat mich schon vor längerer Zeit fasziniert. "Wie soll dein Spiegel blank poliert werden, wenn du von jedem Reiben irritiert bist?" Den Spiegel polieren, das bedeutet für mich so viel wie wachsen oder zu mir finden. Es bedeutet, dass die alten, unnützen Schichten und Krusten an mir abgeputzt werden, dass Lasten abfallen, Mauern abgebaut werden, Türen und Fenster geöffnet werden und Luft und Licht herangelassen wird an das empfindsame und gleichsam starke Wesen, dass sich hinter, unter und zwischen all dem befindet. 

Und es bedeutet, je blanker der Spiegel, desto klarer werde ich sehen, desto besser wird das Leben darin reflektiert werden, desto "wahrhaftiger" vielleicht auch wird das sein, was ich wahrnehme.

All das Zeug, dass sich auf dem Spiegel angesammelt hat im Laufe der Jahre ist dort einmal aus einem bestimmten Grund gelandet. Es gab einmal eine Zeit, einen Moment, wo diese oder jede Verhaltensweise, Denkart, Gefühlswahrnehmung nützlich, problemlösend, vielleicht sogar überlebensnotwendig war. Daher muss ich sie nicht verurteilen oder mich gar dafür schämen.

Heute bemerke ich vielleicht, dass mich dasselbe, was mich ehemals geschützt hat, mich heute behindert, mich blockiert, abschottet, entfremdet oder mich sogar krank macht. Was einst eine Lösung war, ist heute das Hindernis, das mir die klare Sicht versperrt, das vielleicht verhindert, dass ich offen, locker, frei, zufrieden, glücklich, gesund, liebend und mitfühlend sein kann.  

Vielleicht bin ich mir dessen sogar schon bewusst. Doch wie lästig die Angewohnheit auch sein mag, blöderweise hängen wir oft sehr an ihr, haben uns arrangiert und befürchten nicht selten insgeheim, dass wir ohne sie nicht klar kommen.

Hier beginnt nun das Reiben und Polieren. Und hier taucht dann auch oft die Irritation auf. Die Verwirrung, die Furcht, der Widerstand. Wir fragen uns, was ist hier los, irgendwas stimmt hier nicht, irgendwas fühlt sich anders an, ungewohnt, vielleicht sogar verkehrt. Vielleicht schmerzt es auch oder bringt den Boden unangenehm ins Schwanken, hebt das Leben aus den Fugen. Oft schreit dann etwas in uns nach Hilfe, Sicherheit, Mitgefühl, Anerkennung.

Den Spiegel zu polieren ist ein Prozess. Es geschieht schrittweise. Und es ist auch gar nicht leicht, diesen Vorgang zu auszuhalten. Oft erkennen wir auch nicht richtig, was da eigentlich vor sich geht.

Momente der Stille, der Einsicht, der Meditation können uns dabei helfen, Verbindung zu schaffen zu unseren Gefühlen, zu unserer Wahrnehmung, in Kontakt mit uns zu sein, von Moment zu Moment, sodass wir uns selbst bei diesem Prozess unterstützen können. In Geduld und Vertrauen.

Und gute Beziehungen zu Freunden, Familie, Tieren helfen uns und geben uns das Gefühl uns in Geborgenheit weiter häuten oder heilen zu können, zu entfalten, dass wir in Sicherheit sind und verstanden werden. Menschliche Bindungen, die uns Nähe und Zugehörigkeit vermitteln und gleichzeitig Raum und Freiheit zum Wachsen lassen.

Und mit der Zeit werden wir dann klarer sehen. Wir werden schneller wissen, wo es lang geht, was passiert, was wir brauchen, was wir loslassen können, was uns gut tun und was unheilsam ist, wer uns unterstützt und wer uns behindert, was ein gutes Werkzeug ist und was ein nutzloses. Der Zugang zu unserer Intuition wird besser und damit das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in uns selbst.

Und dann bald beginnt es Spaß zu machen und die Irritation weicht immer schneller und häufiger Momenten der Erkenntnis, der Freude, der Liebe und Hingabe an das, was passiert. Man darf in diesem Prozess, weinen und wütend sein, man darf schimpfen und stampfen, aber man darf vor allem das ganze mit Freundlichkeit, Nachsicht und Humor begleiten. Ein kleines Lächeln oder auch gerne mal ein herzliches Lachen über sich selbst und diese verrückte Welt ist meist konstruktiver als jede Ermahnung, Kritik oder Ärger.

Also freue ich mich über jede Irritation, und nehme sie als Gelegenheit um mir die Dinge genauer anzuschauen - und poliere weiter. So gut es eben geht. 

*
 

3. Februar 2014

Wer bin ICH?


Bin ich Körper? Bin ich die Haut, die Knochen, die Organe? Innerhalb von 7 Jahren sind alle Zellen im Körper erneuert – wenn kein Material bleibt, was bin ich dann? 

Bin ich der sich ständig wandelnde Strom von Gedanken und Gefühlen? Gedanken und Idee, Überzeugungen und Meinungen? Wer bin ich?

Oder, wer glaube ich zu sein? – am Arbeitsplatz, in der Familie, in meinem Herzen?

Je nachdem wie ich diese Frage für mich beantworte, zieht das Verstrickungen und Kämpfe nach sich oder Freiheit und Leichtigkeit.

Unserer Situation als Mensch zu verstehen ist ein entscheidender Schritt in der Bewusstwerdung, in der Praxis der Achtsamkeit.



Übung: Erforsche deine Identität. Wer bin ich hinter den Rollenbildern? Brauche ich diesen Gedanken, diese Geschichte jetzt? Wie gehts mir, wenn ich dies oder jenes glaube?




ICH erzeuge eine Identität, ein Selbstgefühl auf verschiedene Weise:
  • Indem ich mir Geschichten erzähle darüber, wer ich bin. Geschichten der Kindheit, Erinnerungen, die immer wieder im Geiste hervorgeholt werden - wie war das damals, wie hab ich mich da gefühlt. Geschichten über gestern oder letztes Jahr usw. Bestimmte Erfahrungen prägen unsere Geschichten und damit unser Selbstgefühl. Bin ich ein ängstlicher, schüchterner, lebenslustiger, vorsichtiger Typ? Geschichten ... Ich mag dies, ich finde jenes, ich bin so und so, ich kann das nicht, ich muss das immer, ich darf das nicht, ich sollte lieber usw ... Alles Geschichten.
  • Indem ich mich permanent mit anderen vergleiche oder mit dem Wunschbild, das ich von mir habe, verfestige ich das Bild, das Selbstgefühl, das ich von mir habe. Bin ich besser, schlechter, gleichgut, dünner, dicker, klüger, talentierter, ungebildeter, unbegabter ...?

Wir schaffen Identifikation. Immer wenn wir uns mit unserem Körper, unseren Gedanken, unseren Emotionen identifizieren, schaffen wir das Selbstgefühl.
Ein Selbstgefühl ist wichtig, keine Frage.
Die entscheidende Frage aber ist: Ist das Selbst, das wir erschaffen heilsam oder unheilsam? Geht es uns damit gut? Oder mögen wir uns nicht, so wie wir uns sehen? Schaffen wir Grenzen oder Öffnungen? Komplexe oder Möglichkeiten?
In dem klaren Licht des achtsamen Gewahrseins können wir das ICH anleuchten und durchleuchten, erkennen und uns bewusst machen.

Freundlich, sanft und voller Mitgefühl können wir uns selbst begegnen und offener werden, für uns selbst, für unsere Wünsche und Bedürfnisse, Talente und Potentiale.

Durch die Praxis der Achtsamkeit fallen Glaubenssätze, Gedanken, feste Urteile, Grenzziehungen langsam von uns ab. In Schichten. Lösen sich auf. Wir erkennen, dass aus dem begrenzten Selbstgefühl oftmals großes Leid und Kämpfe entstehen

Durch die Praxis des Mitgefühls können wir uns lossagen von alten Ideen und uns selbst befreien von den Kämpfen eines ganzen Lebens. 

Das unmittelbare Selbst, unser Wesenskern ist frei, offen, flexible, ständig im Wandel. Es ist ein Kind des Moments, des Hier und Jetzt. Schließe die Augen, atme, nimm dich wahr. Lass schwere Gedanken los und schau, wie sich das anfühlt. Vielleicht bist du das gerade?