7. Januar 2014

Empty Your Mind


Oft stülpen wir den Dingen unsere vorgefasste Meinung über. Das hindert uns daran, die Dinge klar zu sehen. Mit dem beginners mind, dem Anfängergeist, bemühen wir uns, alles so zu sehen und zu erleben, als wäre es das erste Mal – ob das eine Begegnung mit unserem Partner ist oder unserem Kind, oder dem Regen oder Wind in unserem Haar. Wir versuchen, alle Vorurteile, alle Bewertungen und Meinungen, alle Erwartungen und Wünsche loszulassen und zu schauen, was gerade ist.
Dadurch gewinnen wir mit der Zeit eine offene Einstellung zu den Dingen und erleben sie dann auch manchmal überraschend „neu“. Diese Haltung führt auch dazu, dass wir das Leben in seinem Reichtum und seinem Wunder immer mehr schätzen lernen.

Der Mensch hat natürlicherweise das Bestreben, die Dinge kennenzulernen, zu verstehen und sich dann eine Meinung zu bilden oder ein Bild zu machen – ob über die Welt, die Menschen oder sich selbst. Dabei häuft er ein vermeintliches „Wissen“ an, das er dann oft für fest, sicher, unumstößlich und gegeben hält. Tatsächlich wissen wir aber eigentlich viel weniger als wir meinen – vor allem deshalb, da sich alles, inklusive wir selbst, in der stetigen Veränderung befindet. Permanent eröffnen sich neue Möglichkeiten und offenbaren sich unentdeckte Potentiale, ständig entwickeln wir neue Bedürfnisse und Erwartungen, ändern sich Struktur und Anforderungen unserer Umwelt. Und jede dieser kleinen oder großen Modifikationen, jede Begegnung, jeder Moment, jeder neue Tag bietet uns die Möglichkeit, die Dinge anders zu sehen und anders darauf zu reagieren. Unsere typische Haltung des „ich weiß schon“ oder „ich kenn das“ hindert uns jedoch daran.
Wenn wir etwas Neues erleben, haben wir zwei Möglichkeiten zu lernen: 1) wir versuchen, die neue Information in unser bereits vorhandenes Glaubens- und Meinungssystem zu integrieren; 2) wir verändern unser Glaubenssystem aufgrund der neu gewonnenen Erkenntnisse. Beide Verhaltensweisen sind wichtig, die zweite ist allerdings weitreichender und tiefgehender – und auch wesentlich anspruchsvoller. Uns fällt es nämlich meistens sehr schwer, alte Meinungen und alte Muster loszulassen und das vertraute System zu verändern. Denn so eine Transformation geht oft einher mit Ängsten und Phasen der Verunsicherung.
Doch erst die offene Haltung und die Bereitschaft, die Dinge neu zu entdecken, Altes loszulassen und Muster zu verändern, ermöglicht Wachstum, Kreativität und Transformation.

Hier einige Tipps, wie man im Alltag den Anfängergeist üben kann
nach Rick Hanson: Just 1 Thing

·       Sei aufmerksam auf das, was du mit absoluter Sicherheit zu wissen glaubst. Sei skeptisch. Hinterfrage, kann ich mir da wirklich so sicher sein? Mit fixen Glaubenssätzen gehen oft unsere größten Schwierigkeiten einher.
·      Beziehungen und Kommunikation: Versuch, einmal vollkommen unvoreingenommen zu sein. Gib dein Wissen und deine Schlussfolgerungen auf, die du über den anderen hast. Höre einfach nur zu. Und vertraue, dass du angemessen antworten wirst, wenn du mit Reden dran bist.
·      Achte bei einem Spaziergang darauf, wie dein Geist deine Umwelt kategorisiert und benennt, wie er sein Wissen über die Dinge anbringt um dir zu helfen, dich zurechtzufinden. Zeige Wertschätzung (gut gemacht!) und dann schau, wie es sich anfühlt das Wissen loszulassen.
·      Frage dich: Muss ich ein Mensch sein, der alles Mögliche weiß, der viele gute oder richtige Antworten hat? Wie fühlt es sich an diesen Anspruch abzulegen?
·      Sieh dir einen Gegenstand an, z.B. eine Tasse, und hinterfrage, ob du wirklich weißt, was das ist. Menschen haben erforscht, dass Dinge aus Atomen, Elektronen, Protonen, Quarks bestehen – aber wissen wir was Quarks sind? Wir haben Annahmen darüber, woraus die Welt besteht (Energie, Raum-Zeit, Äther), aber was können wir tatsächlich wissen über Raum-Zeit? Selbst die schlauesten Wissenschaftler wissen es nicht.
·      Was glaubst du, über dich selbst zu wissen? Wer du bist, wozu du fähig bist, wie weit du dich entwickeln kannst? Wie wäre es, wenn du auch dir selbst mit Offenheit, Neugier und Nicht-Wissen begegnen und deine vermeintlichen Grenzen öfter neu ausloten würdest?
·      Wie fühlt es sich an, wenn du das Bedürfnis nach Wissen leicht nehmen kannst. Wenn du dir selbst vertraust, dass du das wichtigste „Wissen“ bereits in dir hast und es sich zum gegebenen Moment zeigen wird?

leer werden
Einst empfing ein japanischer Zen-Meister einen hochgebildeten Professor der Philosophie, denn der hatte Fragen zur buddhistischen Philosophie. Sogleich begann der Professor sein bereits vorhandenes Wissen über die fernöstliche Philosophie kund zu tun. Der Zen-Meister bot seinem Besucher Tee an und schenke ihm ein. Als die Tasse langsam voll war, goss er trotzdem immer weiter. Der Professor sah zu und glaubte, der Meister würde gleich innehalten – bis der Tee überfloss. Da rief er: „Halt! Die Tasse ist doch schon übervoll, mehr geht nicht hinein!“
Der Zen-Meister antwortete: „Ganz recht. Wie diese Tasse bist auch du voll mit Wissen, Ansichten und Spekulationen. Wie soll ich dir Zen zeigen, bevor du nicht deinen Geist geleert hast?“ 


Lernen, das Nicht-Wissen auszuhalten
Tatsächlich haben wir weniger Kontrolle über die Dinge als wir uns wünschen. Und obwohl uns heutzutage jegliche Informationen über das Internet zur Verfügung stehen, ist unser Wissen, Verstehen und Erkennen verhältnismäßig gering. Dieses Nicht-Wissen auszuhalten ist manchmal gar nicht so leicht. Oft setzen wir uns selbst unter Druck, die Dinge besser machen zu können, lesen Ratgeber, befragen das Internet oder Freunde und Bekannte. Und doch ist das nicht zufrieden stellend, weil wir ahnen, dass die anderen es auch nicht wirklich wissen. In vielen Bereichen des Lebens tun wir gut daran, diesen Anspruch zu minimieren. Z.B. fällt es Eltern schwer einzusehen, dass sie manches einfach nicht wissen können, sondern besser daran tun, sich einfach von Moment zu Moment auf die Situationen mit sich und ihren Kindern einzulassen, zu vertrauen und zu schauen, was jetzt gerade angemessen sein könnte.   
„Menschen haben viele Methoden erfunden, um Ungewissheit zu verdrängen. Wir versichern uns gegen alles, schwören auf Horoskope, beten zu Gott und sammeln Terabytes von Informationen, um unsere Computer in Kristallkugeln zu verwandeln. Statt Illusionen der Gewissheit zu schaffen, sollten wir den Mut fassen, den Risiken ins Auge zu sehen. Ungewissheit aushalten zu können, ist, was uns zum mündigen Bürger macht.“ Bildungsforscher Gerd Gigerenzer, tageszeitung
Wenn wir es schaffen, uns der inneren Leere und dem Nicht-Wissen hinzugeben, stellt sich langsam ein Gefühl von Transparenz und Durchlässigkeit ein. Wir fühlen uns leichter und offener. Wir bemerken, dass wir unser Wissen oder Wissen-Müssen oft wie eine Last oder wie ein Schutzpanzer mit uns herumgeschleppt haben. Wenn wir das loslassen, verändert sich etwas. Unsere Umwelt wird anders auf uns reagieren, Beziehungen, Situationen, Muster werden sich auf wundersame Weise verändern und Momente des Staunens, des Glücks, der Zufriedenheit werden sich häufen, da es uns immer leichter fällt, das anzunehmen, was gerade da ist und es wertzuschätzen als eine Möglichkeit zu verstehen und zu wachsen.



Durch die Hingabe an die Leere, die Offenheit, kreieren wir einen Raum, in dem wieder alles möglich wird. Manchmal wird dann plötzlich eine innere Stimme vernehmbar, wird ein Bauchgefühl spürbar. Manche nennen das Intuition. Zu ihr haben wir Zugang, wenn wir zulassen, dass Kopf und Bauch miteinander kommunizieren und zu gleichberechtigten Teilen mitbeobachten, mitentscheiden. Mit Achtsamkeit und Intuition lassen wir Denken und Wollen, Absichten und Ziele los und schauen, was dann entsteht, was dann in unser Bewusstsein kommt. Und wenn dann etwas auftaucht, wissen wir manchmal mit kraftvoller Sicherheit: Das ist es. So geht es. Hier geht es lang.



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